Gesellschaft | 06.04.2009

Winterurlaub in Moldavien

Von einem durch Interpol gesuchten Direktor eingeladen, besuchten die Autoren den Pseudo-Staat. Und dies zur besten Reisezeit, nämlich im Dezember. Ein Bericht über ausverkaufte Suppen, Erkenntnisse der Demokratie und Yoga.
Winterurlaub an der Grenze Europas. Fotos: Daniel Zollinger Gute, alte Hausmannskost: Ein Kotelett in Transnistrien.

Die Republik Moldavien ist nicht nur das ärmste Land Europas, sondern hat auch die zweifelhafte Ehre, einen voll funktionstüchtigen separatistischen Staat zu beheimaten: Transnistrien, jenseits des Dnjestr gelegen, hat eine eigene Währung, Polizei, Regierung und leider auch ein Grenzwachkorps. Gerne preist die transnistrische Propaganda auch die angeblich herrschende Demokratie und Meinungsfreiheit, von welcher freilich in Wirklichkeit nicht die Rede sein kann. Dennoch wollten wir diese Meinungsfreiheit auf die Probe stellen und kündigten uns in der Che-Guevara-Hochschule als Gastdozenten an, um das Schweizer Modell der direkten Demokratie vorzustellen.

Nach einer heiteren Nachtzugfahrt trafen wir in der moldavischen Hauptstadt Chisinau ein, die vor allem mit der Tatsache bestach, dass man auf dem zentralen Platz rund um die Uhr Blumen kaufen kann und dabei sogar die Auswahl zwischen hundert verschiedenen Läden hat. Da Chisinau aber nicht zu den Unterhaltungsmetropolen Europas gezählt werden kann, zog es uns bereits am ersten Abend in Richtung Tiraspol, der Hauptstadt Transnistriens. Die offizielle transnistrische Tourismushomepage „visitpmr.net“ verspricht eine problemlose, visumfreie Einreise in das abtrünnige Gebiet – die Realität sah dann allerdings anders aus: Nach einer zweistündigen Taxifahrt im Schneegestöber und fast gleich langen Verhandlungen an der Grenze wurde uns die Einreise mangels Einladungsschreiben verweigert. Auch die Visitenkarte des transnistrischen Chefideologen Dmitri Soin, seines Zeichens auch Direktor der Che-Guevara-Hochschule, machte wenig Eindruck.

Im Norden attackieren

Zurück in Chisinau beschlossen wir, am nächsten Tag einen neuen Angriff im Norden des „Landes“ zu starten. Einerseits hofften wir auf mehr Kooperation an den abseits der Touristenströme gelegenen Grenzübergängen im Norden, andererseits wollten wir uns die als „Transnistrische Schweiz“ angepriesene Region Kamenka ohnehin nicht entgehen lassen. Tatsächlich glückte nun die Einreise, für etwa 70 Rappen wurde uns ein Aufenthaltstitel für maximal zehn Stunden gewährt. Die transnistrische Schweiz war dann aber doch mehr Transnistrien als Schweiz. Die kulinarischen Höhepunkte waren speziell dünn gesät, denn Kamenka zählt nur drei Restaurants: Im ersten hätte man am Vortag reservieren müssen, im zweiten war geschlossene Gesellschaft und im dritten gab es nur „Kotelett mit Grütze“, wobei das postsowjetische Kotelett nichts mit dem hiesigen zu tun hat und wann immer möglich gemieden werden sollte. Am Nebentisch wurde Suppe aufgetragen, unser Anspruch auf eine ebensolche Behandlung wurde mit dem Hinweis abgewiesen, es sei nur eine Suppe vorhanden und diese sei reserviert gewesen. Am nächsten Tag gelang es uns endlich, auch nach Tiraspol einzureisen: Dazu mussten wir uns lediglich bereit erklären, danach in Richtung Ukraine auszureisen (wahrscheinlich machte sich aber nicht einmal der Grenzmajor die Illusion, dass wir dies wirklich beabsichtigten). An jenem Tag fanden die russischen Dumawahlen statt – natürlich auch in Tiraspol, wo lauter Russenpop die Bürger zu den Wahllokalen rief. Nun schauten wir auch mal in der Che-Guevara-Hochschule vorbei, wo uns – zu unserer grossen Überraschung – nach wenigen Sekunden die offiziellen Einladungsschreiben in die Hand gedrückt wurden.

Transnistrische Demokratie

Damit ausgerüstet, passierten wir am nächsten Tag einmal mehr unseren Lieblings-Grenzübergang. Die Grenzwächter kannten uns bereits, so blieb uns sogar der sonst obligate Eintrag ins grosse Buch erspart. Tatsächlich war es uns nun möglich, in der Hochschule der obrigkeitstreuen Jugendorganisation Proryv die vier Pfeiler der schweizerischen Demokratie zu predigen. Die Demokratie nach transnistrischer Art sah dann folgendermassen aus: Unser handverlesenes Publikum bestand aus mehr oder weniger interessierten Kindern im Sekundarschulalter. Entsprechend drehte sich dann die Diskussion auch mehr um die prekäre Menschenrechtslage in der Schweiz als um deren demokratischen Errungenschaften. Die Lehre daraus: Man darf in Transnistrien wohl alles sagen – wer es hören darf bestimmt hingegen Dmitri Soin.

Dieser ist nicht nur einer der Chefideologen Transnistriens, sondern bekleidet angeblich auch eine hohe Geheimdienst-Position und wird von Interpol wegen zweifachem Mord gesucht. Darüber hinaus ist er begeisterter Yoga- Anhänger – eine Begeisterung, die sich auch auf die vorwiegend weibliche Proryv- Führungsriege auswirkt. In seinem Yoga- und Teelokal „Siebter Himmel“ über den Dächern von Tiraspol wurden wir nach der Vorlesung staatsmännisch empfangen, Soin überreichte jedem ein mit Widmung signiertes Exemplar seines Werks „Der nackte Voronin“, das vom moldavischen Präsidenten handelt. Nun entwickelte sich doch noch ein Gespräch über die schweizerische Demokratie, insbesondere über die auch dort bekannte Schäfchenkampagne – im Vorzeige-Rechtsstaat Transnistrien, wo der Präsident auch schon mit dreistelligen Prozentzahlen gewählt wurde, erteilte man uns so eine Lehre über Demokratie.

Info


Dieser Artikel ist im 2008 in der Zürcher Studierendenzeitung erschienen. Die beiden Autoren sind begeisterte Reisende durch Osteuropa und haben diesen Artikel Tink.ch für eine weitere Veröffentlichung zur Verfügung gestellt.