Gesellschaft | 27.04.2009

„Wie ein Kolibri auf Speed“

Text von Mitzu | Bilder von Michael Baumann
Mitzus Arbeitermentalität prallt auf Baba den leichtfüssigen Lebemenschen: Zwei unterschiedliche Charaktere berichten aus zwei verschiedenen Welten in einem Briefwechsel.
Der eine in Londen, der andere in Solothurn: Baba und Mitzu.
Bild: Michael Baumann

Solothurn, 26. April

Lieber Baba,

In dieser zornigen Gewitternacht schreibe ich dir meine Replik auf deinen letzten Brief, den du 3 Wochen nicht geschrieben hast, um mir eins auszuwischen. Das hast du auf jeden Fall mir gegenüber so gesagt. Also hier auch ein bisschen mehr Konzentration.

Schön, wenn du siehst, dass ich mich gerade sehr fokussiere. Schade, wenn du denkst ich hätte was gegen andere Meinungen und damit andere Menschen. Aber gerade wenn du mir einen Satz von Daniel Kehlmann zitierst, indem er sagt Identität habe enorm viel mit Konzentration zu tun, kannst du nicht ernsthaft – und glaube mir, ich weiss auf welche Gegebenheit du anspielst – sagen, du machest dir Sorgen, dass ich mich immer mehr zurückziehe.

Ich fokussiere. Und gerade sehr fest. Ich probiere mich in dieser Welt voller bunter Freizeitbeschäftigungen und Konsumblabla und gaga zu konzentrieren. Und konzentrieren tut man sich auf Menschen und Dinge, die einem am Herzen liegen, wo man sieht, dass Geben und Nehmen gut zueinander passen. Man konzentriert sich darauf weiterzukommen. Und da muss man schon konsequent sein. Sonst bringt das alles nichts. Und leid tut mir das nicht.

Es ändert nichts an meiner Freundschaft, aber die gelebte Art ist anders. Ich komme nicht mehr schnell „eins ziehen“, weil ich weiss, worin das meistens endet. Ich habe jetzt lange genug vom Tresen aus, das Geschick der Welt gelenkt. Ich kann nicht mehr. Und Freunde, die Inhalt haben, und sich nicht zuerst füllen müssen, kümmert es nicht, wenn sie mich nicht mehr so oft sehen. Denn jeder ist allein auf dieser Welt und jeder ist, was er macht. Das und enorm viel Konzentration gibt Identität.

Und das ist, was ich bei dir ein wenig vermisse, lieber Baba. Die Male, die wir uns gesehen haben, als du im Ländle weiltest, kamst du mir vor, wie ein Kolibri auf Speed. Ein Feuerwerk von guten Ideen, von Witz und Charme. Ein Belmondo in einem Film von Jean-Luc Godard, aber nicht fassbar. Und nicht auf einen Punkt zu bringen. Keine Realität, dafür eine Champagnerpyramide, die sehr fragil ist.

Mich verwirrt das. Ich bin schweizerisch langsam, misstrauisch und bodenständig. Und Struktur ist für mich mehr als alles Blitzen und Blenden. Ich kenne das nur zu gut und ich weiss auch, dass davon nicht viel entspringt ausser Chaos und Unzufriedenheit. Und angehäufte Versprechungen, die sich unter dem Teppich, wo sie nämlich liegen,  zu einer Stolperfalle entwickeln.

Lass uns gemeinsam Projekte verwirklichen. Drücken wir der Welt unseren Stempel auf. Aber mit Arbeit und Fachkraft.

Ich habe einen Spruch für dich:

Kunst kommt von Können und nicht von Wollen, sonst hiesse sie Wunst!

In diesem Sinne hoffe ich bald von die zu hören.

Dein Joe Dalton

Mehr zu den Brieffreunden:


  • Mein Name (Michael) stand 2007 in der Vornahmen-Hitparade auf Platz 40. Heute genannt Baba, hab ich mein Leben nach London getragen, um Fotografie und die Rätsel einer Beziehung zu erlernen. Davor war ich – nach Flucht aus Solothurn – in Zürich beschäftigt und sesshaft. Trage Schuhgrösse 44. Aufgewachsen in einer modernen Komune, wo ich neben vielen Menschen auch Mitzu kennen lernte. Unser Verhältnis ist, und war, immer lebhaft, inspirierend und fordernd. Was unsere Briefe auch sein werden.
  • Ich, Mitzu,  war ein House-Hörer, Hip-Hop-Gangster, geniessender Korporal, Hippie. Zu anderen Zeiten fühlte ich mich auch als Philosoph, genoss Drogen, scheiterte am Studieren, bin unterwegs Zimmermann geworden und spiele nun Schreiberling. Der Baba war mein Lebensschüler, wurde von mir gequält. Ich hab mit ihm gewohnt und ihn eingeführt in die Welt der verlogenen Prinzipien und des Wahnsinns. Nun ist er weit – weg und doch sehr nah. Entstanden ist eine Gute Freundschaft und wir wechseln uns ab im Lehren und Lernen, wie auch im Briefe schreiben.

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