Gesellschaft | 27.04.2009

Psychologische Feldforschung

Drei Wochen militärischer Wiederholungskurs birgt manche Überraschung: Bürohengste werden zu Kampfrobotern und stotternde Bäckersbuben mutieren zu allwissenden Superhirnis.
Einheitlich im Stehen... Fotos: M. Pulfer ...und einheitlich im Sitzen. Nach Verzehr von Fleisch... ...und Bier... wird mancher Soldat zum kriechenden Tier.

Wer die letzten beiden Abhandlungen meiner WK-Erlebnisse gelesen hat, der könnte sich nun beim unchristlichen Gedanken ertappen, das Schweizer Militär sei nur ein Ballungsraum für sozial benachteiligte junge Männer mit einem Aufmerksamkeitsdefizit und dem durchaus nachvollziehbaren Verlangen, mehr als eine warme Mahlzeit pro Tag in den Teller – in diesem Fall Gammele – zu kriegen. Was das erste dieser drei aufgezählten Identifikationsmerkmale betrifft, kann ich nicht mit Sicherheit sagen ob es zutrifft. Die jeweilige soziale Kaste ist bei Militaristen jeweils nur schwer zu identifizieren. Der Grund: Die einheitliche Kleidung – es sehen alle gleich aus, ob Emo, Homo oder Homöopath.

Charakterliche Überraschungen

Nach zwei Wochen gemeinsamen Bunkerurlaubs glaubte man sich gegenseitig gut zu kennen. Die Hierarchien und Rollengefüge unter den Soldaten waren längst so eingefahren, wie Ueli Maurers unerschütterlicher Glaube an die beste Armee der Welt, da offenbarte sich mir noch die eine oder andere Überraschung: Den dick bebrillten Vetterlin*, den ich persönlich und mithilfe meines sozialen Einstufungsrasters, als stotternden Bäckersbuben mit Hang zur Legasthenie eingestuft hatte, entpuppte sich als allwissender Bücherwurm. Belesen und überaus adäquat in seiner Wortwahl. Wenn er zur Abwechslung gerade mal nicht von Wachtmeister Dimic in den Schwitzkasten genommen wurde, stand mir Vetterlin ab sofort als überaus erfrischende Gesprächsalternative zur Verfügung, wollte ich gerade mal nicht an den handelsüblichen Themen des „Soldaten-unter-sich-Jargons“ teilnehmen: Frauen (nackte), Autos (schnelle) und – paradoxerweise – Militär.

Das Militär als Gesprächsthema

Obwohl viele Soldaten den ganzen WK über nicht müde werden, über das Militär herzuziehen, liessen es sich einige nicht nehmen, 95 Prozent ihres Wortschatzes über ebendiese Institution zu verlieren. Geschichten über zündende Blasen und sadistische Vorgesetzte erzählten sie mit einem Glanz in den Augen, der die Freude an das Erlebte heimlich aufblitzen liess. „Während des 50Km-Marsches musste ich zwecks Schmerzvertilgung eine ganze Packung Ponstan schlucken und am Ende lag ich mit Infusionen verkabelt in einer Ecke des feuchten Luftschutzkellers“, sagte Soldat Schrepfer* während er aussah, als ob er sich nach diesem abenteuerlichen Erlebnis zurücksehnen würde. Soldat Schrepfer ist im wahren Leben Buchhalter.

Mut zum Kampf

Vielleicht ist es Thrill und Abwechslung, was gewisse Männer in Vierfruchtgewändern alljährlich zu kleinen, mit Waffen hantierenden Kindern macht. Vielleicht ist es eine durch temporären Individualverlust und Konformität ausgelöste Enthemmung, die Bürohengste innert Tagen in masochistische Kampfbestien verwandelt, ähnlich dem bünzligen Mitteleuropäer, der einmal im Jahr nach Ibiza fährt, um dort so richtig die Sau rauszulassen. Das Militär ist eine Lebensschule fernab des realen Lebens, das Militär ist Himmel und Hölle zugleich (Einrücken = Hölle, Abtreten = Himmel), das Militär ist voller Widersprüche und trotz der lähmenden Monotonie niemals langweilig. Abtreten.

*Alle Namen geändert

Mehr über den Autor


Martin Sturzenegger verbrachte diesen Frühling drei Wochen im Wiederholungskurs des Militärs. Zwecks Erlebnisverarbeitung und um langwierigen psychischen Schäden zuvorzukommen, berichtete er in einer dreiteiligen Serie über seine Taten und Untaten während dieser Zeit.