Gesellschaft | 06.04.2009

Patti – die FastENDE

Text von Patti on tour
«Es ist vollbracht. Der Palmsonntag wedelte im frühlingshaft grünen Kleid das Ende der Fastenzeit ein. Meine Weltanschauung darf nun endlich wieder satirisch werden."
Illustrationen: Patti on tour.

Die letzten 40 Tage war sie so unpraktisch anorektisch. Beat Schlatter hat in drei Monaten gerade mal 10Kilogramm abgenommen und das war den grössten Tageszeitungen des Landes eine Schlagzeile wert. Weichei. Ich hingegen habe in 40 Tagen mehr Kilogramm verloren als die SP Wähleranteile. Trotzdem bin ich noch so aufgeblasen und übergewichtig wie diese andere Partei. Nur dass ich zwischen meinem S und meinem P kein Volk, sondern schwabblige Manipuliermasse habe. Zugegeben, der Unterschied ist minim.

Was haben mir doch nicht all die gelegentlich fastenden Hausfrauen und Lifestyle-Tussis (Männer hatte es interessanterweise keine dabei) erzählt: Nach drei Tagen Wasserkur komme das High, es sei spirituell, meditativ, eine Bewusstseinerweiterung. Davon habe ich herzlich wenig verspürt. Die Gesundschrumpfung hatte mir diesbezüglich nichts zu bieten. Im Gegenteil.
Mein Gelegenheitslover, der Zahnarzt, zwang mich gezuckerten Vitaminsaft zu trinken, bevor er zur Sache ging. Er wollte verhindern, dass ich umkippte, wenn er seine grosse Spritze auspacken und mir mit voller Wucht ins geschundene Zahnfleisch rammen würde. Das Gegenteil war der Fall. Die Spritze wirkte nicht und ich schlug beim ersten Bohrerkontakt den neuen Zahnarztstuhl in Trümmer. Nachdem er dann zwei weitere Ladungen abgespritzt hatte, kam es endlich. Das Flash. Glückseligkeit. Der Mund blieb 24 Stunden taub.
Und danach: Das grosse Fressen. Das Fastenbrechen. Fressen bis zum Fast-Erbrechen.

35. Tag
Tagesbilanz:
Zu viel Speck am Leib: 26kg
Zum leiblichen Wohl: egal, was es war, es war zu viel.
Zur Leibesertüchtigung: Rücken, Bauch, Beine trainiert
Sünden: Auch Gemüse kann man zu viel essen

36. Tag
Tagesbilanz:
Zu viel Speck am Leib: 26kg
Zum leiblichen Wohl: Wasser
Zur Leibesertüchtigung: Rücken, Bauch, Beine
Sünden: Irgendwie habe ich die Lust am Fasten verloren. Ich will was zu beissen. Ab morgen gibt’s Wasserkur.

37. Tag
Tagesbilanz:
Zu viel Speck am Leib: 26kg
Zum leiblichen Wohl: Wasser
Zur Leibesertüchtigung: Rücken-, Bauchmuskulatur-Training
Sünden: Der Schönheitsschlaf dauerte bis in die Mittagsstunden

38. Tag
Tagesbilanz:
Zu viel Speck am Leib: 25kg
Zum leiblichen Wohl: Wasser, etwas Amalgam aus der alten Zahnfüllung
Zur Leibesertüchtigung: Rücken-,Bauchmuskulatur, Kampfsport im Zahnarztstuhl.
Sünden: Mein alljährlicher Oralsex mit dem Zahnarzt, der mehr und mehr sado-masochistische Züge annimmt.

39. Tag
Tagesbilanz:
Zu viel Speck am Leib: 24,5kg
Zum leiblichen Wohl: Wasser
Zur Leibesertüchtigung: Rücken-, Bauch-, Bein-, Walking- (aber ohne Gehhilfen), und Velotraining. Quasi ein Triathlon mit Trockenschwimmen
Sünden: Ich fluchte, weil die Wasserkur gar nichts brachte und ich freute mich aufs Essen. Träumte von Kartoffeln und Teigwaren und überhaupt.

40. Tag
Tagesbilanz:
Zu viel Speck am Leib: 24kg
Zum leiblichen Wohl: ESSEN. Richtiges, feines, göttliches Manna. Griechischer Salat, direkt vom Olymp! Feta-Käse! Oliven! Wahnsinn! Erdbeerjoghurt! Ratatouille! Tomatensauce!
Zur Leibesertüchtigung: Magen- und Darmmuskulatur übrstrapaziert. Das Monstrum von Home-Trainer, das die Nachbarn im Keller stehen haben, eigenhändig 4 Stockwerke nach oben geschleppt und während Giaccobo & Müller immer feste getreten.
Sünden: Die Sünden liegen vor allem in der Zukunft. Freuen wir uns auf die Ostereier und den liebgewonnenen, alten Jojo-Effekt. En Guete.

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