Kultur | 06.04.2009

Kapitel neun

Alles findet ein Ende, leider auch Nils Pfändlers Novelle "der Häftling". Das neunte und zugleich letzte Kapitel steht als Sinnbild für die ganze Geschichte.
Nils Pfändlers Novelle erschien auf Tink.ch in neun Episoden. Illustration /
Bild: Melanie Pfändler Nils Pfändler ist 18 Jahre alt und wohnt in Grüningen. Er besucht die Kantonsschule in Wetzikon (ZH).

Die Fliege lebte ein normales Leben. Sie war, wie alle anderen Fliegen (die ihr bekannt waren, und auch die sonstigen Fliegen der Erde) ein sechsbeiniges Lebewesen mit zwei schnellen Flügeln, zwei grossen Augen und einem kleinen Hirn. Zudem war sie dazu geschaffen zu fliegen. Also flog sie. Sie flog von da nach dort und wieder zurück, sie sass auf Fenstern, Pflanzen, Tieren, Essbarem, Mist und Menschen. Die Fliege hatte noch nicht einmal die Hälfte ihres kurzweiligen Lebens hinter sich, als sie sich eines Tages kurzerhand entschloss, nach oben zu fliegen. Sie war natürlich schon öfters aufwärts geflogen, aber heute, dachte sie, heute gehe ich hoch hinaus. Nachdem sie eine unbestimmte Zeit mit einer durchsichtigen Fensterscheibe gekämpft hatte, war das Freie endlich erreicht. Ihre winzigen Flügel flatterten im kühlen Wind, und wäre sie nicht von ihrem eigenen Optimismus geblendet worden, hätte sie wohl auch schon die ersten Regentropfen bemerkt. Die Fliege flog himmelwärts, ohne auch nur einen Gedanken an das Verlassene zu vergeuden. Sie flog einfach. Für Fliegenverhältnisse war sie sogar schon sehr hoch geflogen, die Dächer der Häuser waren schon sehr klein, aber eigentlich gab es keinen Grund umzukehren, weshalb die Fliege immerzu mit ihren Flügeln schlug und sich weiter und weiter vom Erdboden entfernte. Der Wind blies ihr schon Tränen in die Augen und die riesigen Regentropfen setzten sich an ihren Flügeln fest. Doch die Fliege dachte nicht ans Umkehren. Als sie einmal einen Blick nach unten wagte, sah sie die Seen und Felder verschwommen unter ihr. Langsam wurde die Luft etwas dünn und sie musste schwer atmen, doch mit jedem Meter schöpfte sie weiter Kraft für neue Höhen. Irgendwann war jedoch die Grenze erreicht, so, dass kein Sauerstoffmolekül mehr ihren Leib mit Leben versorgte. Die Fliege hielt die Luft an und flog noch schneller nach oben, bis sie schliesslich in der Mitte eines Flügelschlags das Bewusstsein verlor. Mit ihren triefend nassen Flügeln und der durchweichten Haut war sie beinahe so schwer und so gross wie die Regentropfen, die in allen Dimensionen um sie herum Richtung Boden fielen. Eingebettet in die millionenfach dividierte Urgewalt stürzte sie immer schneller und schneller dem Grund entgegen, wo sie schliesslich mit einem leisen „Plopp“ spontan Abschied von dieser Erde nahm.