Gesellschaft | 27.04.2009

„Ich muss hier raus“

Text von Patti on tour | Bilder von Patti on tour
Spätestens nach zwei Semestern sind Studenten befähigt Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Nebenfächer gehören meistens in die zweite Kategorie - so auch für Patti.
Schreibt manchmal an 6-7 Seminararbeiten gleichzeitig: Patti on tour.
Bild: Patti on tour

Proseminar heisst heute Kernmodul und wird vor allem der Credits wegen besucht. Ich für meinen Teil besuche Proseminare nur noch, wenn es unerlässlich ist. Ein wandelnder Anachronismus mit meinen 7, 8 Semestern und mindestens so vielen Seminararbeiten im Unirucksack. Wenn man mein Methusalem-Alter und mein (sogenanntes) Erststudium mitrechnet, so könnte ich ohne weiteres auch die Dozentin, statt die Rezipientin sein.

Ich sitz also im überfüllten Hörsaal:

Dozent: Sie sind ja nun quasi, hehe, frisch ab Presse, direkt von der Matur, jaja, so junge Gesichter, hehehe …

Ich (in Gedanken): Schön wärs, gopfnonmol, muss dringend mal wieder meine Haare färben gehen wegen der Grauhaarabdeckung, und grins nicht so blöd, ich könnt‘ im Fall weder deine Tochter noch deine Geliebte sein, eher deine Ehefrau

D: Und natürlich haben Sie keine Ahnung von Disziplinen wie Wirtschaft, Psychologie, Soziologie, Kommunikation… Sie kennen ja nur die Schulfächer, hehehe…

I: Wir leben im 21. Jahrhundert. Sogar meinen Sek-Schülern lehr ich Kommunikationstheorien und Wirtschaftskunde. Apropos, shit, muss noch die Steuererklärung fertig machen

D: Deshalb sollte dieser Kurs dazu dienen, dass Sie sich überlegen können, ob Sie dieses Fach wirklich studieren wollen…

I: Irgendein Nebenfach muss ich ja wohl studieren, meinst du, ich änder das jetzt noch?

D: Und dann können Sie tatsächlich ein erstes Mal eine richtige wissenschaftliche Arbeit nach wissenschaftlichen Standards schreiben. Ohne zu plagiieren, versteht sich. Wissen Sie, was das ist, ein Plagiat? Abschreiben aus dem Netz beispielsweise. Damit hatten wir viele Probleme…

I: Mach hinne, Mann. Ich plagiiere noch nicht mal in meinem Blog. Man hat ja seinen Stolz. Solange ich davon überzeugt bin, dass eh niemand besser schreibt als ich selbst, käm ich wohl kaum auf die Idee… Daher bietet eine gewisse Arroganz durchaus auch einen Schutz vor solchen Peinlichkeiten.

D: Die Arbeit wird dann etwas sechs bis acht Seiten umfassen …

I: So lange ist doch normalerweise die Bibliographie?

D: Das Thema bekommen sie dann im Dezember, damit Sie während der Semesterferien …

I: Wie soll ich mit sechs Seiten die Semsterferien füllen? Eine Seite pro Woche?

D: Doch nun: Sagen Sie mir mal, weshalb Sie überhaupt dieses Fach studieren wollen?

I: Bestimmt nicht, um solch doofe Fragen zu beantworten. Ich muss hier raus. Tschüss Sitznachbarin. Bis nächste Woche.

D: Ja, Sie da, Sie müssen nicht aufstehen. Hehehe, wir sind ja modern, nicht wahr. Sprechen sie ruhig. Nur frisch heraus, Sie müssen nicht nervös sein. Ich verstehe das, als Erstsemestrige sind Sie noch nicht gewohnt, vor Leuten zu sprechen. Nun sagen Sie, weshalb besuchen Sie diesen Kurs?

I (laut): Um ehrlich zu sein, stelle ich mir diese Frage auch. Die Antwort finde ich vielleicht bei einem Glas Bier. Ich geh dann mal. Prost.

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