Gesellschaft | 27.04.2009

„Ich bin hier eine Art Papafigur“

Auf dem Bauernhof "Wagenburg" im zürcherischen Seegräben pflanzt Res Graf gemeinsam mit Menschen mit einer Behinderung Gemüse an. Nebenbei integriert er sie auch in Theaterprojekte.
"Mit Bauernhof, Familie und Schauspielerei bin ich vollständig eingebunden." Fotos: Martin Sturzenegger Ein sozialer "Undercover"-Clown: Der gebürtige Berner Res Graf. Res Graf als liebevoll-tolpatschiger Kellner "René".
Bild: www.duosenf.ch Komiker, Solzialarbeiter und Biogärtner Res Graf liegt bei all seinen verschiedenen Lebensrollen selten auf der faulen Haut... ...und meistens wird mit beiden Armen angepackt.

Der 40-jährige Res Graf ist ein Mann mit vielen Berufen: Kellner, Koch, Securitas-Wächter, Chef de Service oder Landstreicher. Wobei ihm die Rolle des Kellners – „des Unterhunds“, wie er selbst sagt – am besten liegt. „Er erweicht alle Frauenherzen im Alter von 7 bis 77“, sagt Graf scherzhaft, der eigentlich nicht Kellner, sondern Schauspieler ist. Dabei ist nicht nur seine Rollenwahl vielfältig, sondern auch sein richtiges Leben. Angefangen hatte alles im unbekümmerten Leichtsinn der Jugend. Damals machte sich der im Kanton Bern aufgewachsene Res Graf mit Kollegen einen Spass, Leute an der Nase herumzuführen. Ob im Ausgang, in Hotels, im Dorf – jeder musste dran glauben, sogar die Polizei. Eines Nachts stellte sich ein Kollege nach verlorener Wette vor dem Polizeiposten auf und schrie: „Ich habe kalt, sperrt mich ein, ich habe kalt …“ Die Polizei zeigte sich verwirrt, die Realsatire war gelungen.

Gärtnern und Schauspielern

Das Leben ging weiter, indem sich Res Graf für unbestimmte Zeit nach Schottland verabschiedete. Dort fand er Unterschlupf auf dem Bauernhof eines Verwandten. Graf erinnert sich: „Erstmals kreuzten sich die beiden Welten, die mich heute noch prägen: das Gärtnern und die Schauspielerei.“

Auf dem schottischen Landhof stand ein kleines Zirkuszelt, in dem regelmässig Künstler und Schauspieler vorbeischauten. Res Graf fühlte sich sofort angezogen und vertrieb fortan seine Zeit nicht mehr nur mit biologischem Gärtnern, sondern auch mit Clownerie und Pantomimen. Diesbezüglich hat sich im Leben von Res Graf wenig verändert. Auf dem Hof Wagenburg in Seegräben, wo er heute lebt und arbeitet, ist Graf als Betreuer tätig. Menschen mit Downsyndrom und schwer erziehbaren Jugendlichen bringt er das Handwerk der Biogärtnerei bei und nimmt gleichzeitig erzieherische Funktionen war. „Ich bin hier eine Art Papafigur“, sagt Graf, der selbst Vater von drei Kindern ist. Und oftmals, wenn die Arbeit getan ist, taucht er in seinem Atelier im Untergeschoss des Hofs ein in die Welt der Schauspielerei.

Der ordinäre Koch

Mit dem Duo-Senf – „dem grössten Duo der Welt“ – hat sich Graf auf Inszenierungstheater spezialisiert. Das Ensemble ist bei seinen Missionen „undercover“ unterwegs. An Firmenanlässen oder Geburtstagspartys übernehmen die Schauspieler die Aufgabe des Gastroservices: Res Graf in seiner Rolle als unbeholfener Kellner „René“ und an seiner Seite der streng agierende „Chef de Service“ – meistens gespielt von einer Frau. Manchmal übernimmt Graf auch gleichzeitig die Rolle des Kochs, dann zeigen sich die Partygäste vollends verwirrt und fragen: „Und wer hat jetzt diesen ordinären Koch gespielt?“ „Manchmal gibt es Leute, die bis zum Schluss nicht merken, dass alles nur gespielt ist. Dann weiss ich, ich habe meine Arbeit gut gemacht.“

Welten überschneiden sich

In Res Grafs Leben gibt es auch Momente, in denen sich die beiden Welten – das Schauspielern und die Arbeit auf dem Hof – überschneiden: Als Regisseur inszenierte er schon Stücke, in denen er die Hofbewohner von Wagenburg auf die Bühne holte. Dann erntet er mit ihnen für einmal nicht Gemüse, sondern Applaus beim Publikum. „Viele Menschen mit Downsyndrom stehen sehr gerne im Rampenlicht“, sagt Graf. Oder anlässlich der Expo 02 in Murten, als er mit Bauern aus der ganzen Schweiz ein Theaterstück über die Entwicklung des Biolandbaus inszenierte – die Verschmelzung der beiden Welten funktionierte auch da. Ähnliches präsentiert er jedes Jahr am Wetziker Open Air „Schlauer Bauer“ – auch diesen Sommer wieder.

Einmal rund um die Welt

In Res Grafs Leben gibt es nicht viel Freiraum für Hobbys. „Mit Bauernhof, Familie und Schauspielerei bin ich vollständig eingebunden.“ Trotzdem plant er für die Zukunft eine Auszeit: Im Alter von 55 Jahren möchte er innerhalb von zehn Jahren einmal um die Welt reisen. Zu Fuss und mit Familie, Freunden, Esel und Karre. „Ich möchte den Leuten mit einem Wanderzirkus Freude spenden.“ Damit würde sich der Kreis schliessen, indem Graf zu seinen schauspielerischen Wurzeln zurückkehrte: In der Zeit nach Schottland war er schon einmal mit einem Wanderprojekt namens „Zirkus Dr. Eisenbarth“ unterwegs. „Das war eine aufregende Zeit“, sagt er, der all seine Rollen im Leben anscheinend perfekt unter einen Hut bringt. 

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