Gesellschaft | 20.04.2009

„Freundschaft ist mehr als Inhalt!“

Text von Baba | Bilder von Michael Baumann
Im letzten Brief beschrieb Mitzu seinen neuen Mut zur Selbsterschaffung. Was Baba darüber denkt und welchen Rat er ihm gibt, lest ihr in seinem Antwortbrief.
Der eine in Londen, der andere in Solothurn: Baba und Mitzu.
Bild: Michael Baumann

Hello M,

Drei Wochen später! Ein elendes, nebliges Gefühl, Geruch wie Galle, schwingt mit bei dieser Aussage! Fühle mich wie ein junger Vogel, der eigentlich Fliegen kann, aber immer noch aus dem Nest springt und mit einem grossen KLATSCH am Boden aufschlägt, weil er versucht zu schwimmen. Irgendwie doof, oder? Deshalb möchte ich mich ehrlich für diese Verspätung Entschuldigen.

Schön war dein Brief! Die Aufforderung sich mehr um unsere älteren Generationen zu kümmern, ihnen zumindest etwas mehr Aufmerksamkeit zu schenken, finde ich grossartig. Nicht nur, dass wir ihnen meist viel zu verdanken haben, Stunden auf ihren Armen, Tage in ihrer Obhut und Jahre unter ihrer Protektion. Es sollte auch in unserem Interesse liegen, uns mit unserer Herkunft, unserer Geschichte, auseinanderzusetzen und ihr Sorge zu tragen. Nicht als Ballast, sondern als Inspiration, als Lehrbuch.

Meine Semesterferien habe ich ja, wie du weisst, grösstenteils in der Schweiz verbracht. Zurück in London, nach einer Beerdigung und vielen Begegnungen mit Familie und Gang in der Heimat, ist mir was ins Hirn geblitzt. Wenn ich mir vorstelle ich liege mit durchgeschwitzten 85 Jahren, alt und verbraucht, auf dem Sterbensbett, an was würde ich mich erinnern? Das teure Auto, der diamantbesetzte Backofen und das Prada-Haus? Nein! Erlebnisse, Begegnungen, Beziehungen hätten für meinen müden Geist wohl den Wert der Erinnerung, alles andere ist wertlos. Sorry an alle Bling-Menschen!

„Ich glaube, dass Identität nicht aus der Introspektion, dem Nachdenken über sich entsteht, denn das ist ja eher Identitätserschütternd, weil es immer zu einer Spaltung führt: Sobald ich mich anschaue und über mich nachdenke bin ich gespalten in einen Anschauenden und einen Angeschauten. Identität hat enorm viel mit Konzentration zu tun.“

Dies Sagt Daniel Kehlmann in einem Interview. Ich schreibe dir diese Zeilen um nach unserem Aufeinandertreffen in der Schweiz deine, in letzter Zeit im übermass beschriebene, Selbsterschaffung anzusprechen. Wie oben angetönt finde ich es super, dass du deine Ziele näher treibst, mit Konzentration das Beste aus deinen Stunden machst und dich fokussierst auf das, was du erreichen willst und es so auch vollbringst. Nicht mehr, wie letztes Jahr, versuchst dein Leben zu Denken. Nun aber hast du begonnen zu Werten. Leute, auch deine Freunde, ausgelöst durch deine Erfolge und neu gewonnenen Abneigungen gegen viele inhaltslose Beschäftigungen, werden von dir nur noch skeptisch betrachtet und noch schlimmer, wenn sie dir in deinen Überzeugungen nicht folgen, aussortiert. Du lässt keine anderen Meinungen mehr zu. So habe ich auch für dich einen Satz:

Freundschaft ist mehr als Inhalt!

Nun mein Freund, ich schreibe dir diese harten Worte nicht der Bosheit wegen, sondern weil ich mir Sorgen mache. Die Sorge ist, dass du dich zusehr zurückziehst. Und Einsamkeit macht definitiv noch weniger Spass als ein Bier im Umfeld des Nonsens.

So ich erwarte eine gepfefferte Rückhand und drück dich.

Baba

Mehr zu den beiden Brieffreunden:


Mein Name (Michael) stand 2007 in der Vornahmen-Hitparade auf Platz 40. Heute genannt Baba, hab ich mein Leben nach London getragen, um Fotografie und die Rätsel einer Beziehung zu erlernen. Davor war ich – nach Flucht aus Solothurn – in Zürich beschäftigt und sesshaft. Trage Schuhgrösse 44. Aufgewachsen in einer modernen Komune, wo ich neben vielen Menschen auch Mitzu kennen lernte. Unser Verhältnis ist, und war, immer lebhaft, inspirierend und fordernd. Was unsere Briefe auch sein werden.

Ich, Mitzu,  war ein House-Hörer, Hip-Hop-Gangster, geniessender Korporal, Hippie. Zu anderen Zeiten fühlte ich mich auch als Philosoph, genoss Drogen, scheiterte am Studieren, bin unterwegs Zimmermann geworden und spiele nun Schreiberling. Der Baba war mein Lebensschüler, wurde von mir gequält. Ich hab mit ihm gewohnt und ihn eingeführt in die Welt der verlogenen Prinzipien und des Wahnsinns. Nun ist er weit – weg und doch sehr nah. Entstanden ist eine Gute Freundschaft und wir wechseln uns ab im Lehren und Lernen, wie auch im Briefe schreiben.