Gesellschaft | 20.04.2009

Erinnerungsstätte mit Leuchteffekten

Text von Mario Caviezel
MISSION ETERNETY beschäftigt sich im Informationszeitalter mit der Frage, wie man dem Tod heute ins Auge blicken sollte.
Pixel aus dem Leben des Verstorbenen, Fotos: Mario Caviezel Die kompetente Beratung im Container Der SARCOPHAGUS von aussen

Eine allgemeine Redewendung besagt, dass nichts so sicher sei wie der Tod und die Steuern. Unsicher bleibt jedoch, was nach dem Tode passiert und wie der Totenkult in einer sich permanent wandelnden Welt aussehen soll. Vor dem Berner Museum für Kommunikation liegt eine mögliche Antwort parat, die von der fachkompetenten Museums-Mitarbeiterin J. Barandun ausführlich präsentiert wird: ein 20-Fuss-Fracht-Container, ausgerüstet mit 17’000 Leuchtdioden, vernetzt mit dem globalen Diesseits. Dieser SARCOPHAGUS, wie er genannt wird, dient als technologische Brücke, die menschliche Erinnerungen mit den Überresten von Hingeschiedenen verbindet: «Die virtuellen und die physischen Spuren bilden eine fragile Verbindung und definieren einen Raum für die Begegnung der Lebenden mit den Toten«, heisst es im Merkblatt der Künstlergruppe etoy. Sie haben die Daten von ausgewählten M ∞ PILOTEN selektiert und gespeichert – weltweit verteilt und für alle Internetuser jederzeit abrufbar gemacht.

Diesseits inkl. Jenseits

Neben dem Schauergefühl, das jemanden überkommt, nachdem er den SARCOPHAGUS betreten hat, und dem Blitzlichtgewitter von Informationen, die auf den neugierigen Besucher einprasseln, fallen die kubusförmigen Stecker an der Wand auf. Sie sind – gegossen aus Beton und menschlicher Asche – die Schnittstelle zwischen dem Diesseits und dem Jenseits. Bisher arbeitet die Gruppe etoy mit zwei TESTPILOTEN, die sich in dieser Form nach ihrem Ableben verewigen lassen wollen: Der Pionier der Mikrofilm-Technologie Sepp Kaiser aus Zug (geboren 1924) und Herr Timothy Leary, einer der Schlüsselfiguren der Informationsgesellschaft. Einer der TESTPILOTEN verstarb im Jahr 2007. Dr. Leary wurde nach seinem Tod am 26. Mai 2007 in den SARCOPHAGUS überführt. Er hinterliess eine Unmenge an Aufzeichnungen zu seinem Leben, seinem Körper und seinen Gedanken. Die elektronischen Gehirnzellen des SARKOPHAGUS geben die Stimmen, Daten und Statistiken des Toten wieder.

Die Ruhestätte der Zukunft?

Ob eine solche Gedenkstätte in Massenproduktion geht, ist aufgrund ihrer sehr gewöhnungsbedürftigen Konzipierung fraglich. Nichts desto trotz spricht die Künstlergruppe etoy mit ihrer unkonventionell wirkenden Idee nicht öffentlich genannte Wünsche der Informationsgesellschaft an: Wie bleibe ich in Erinnerung? Die Globalisierung löst allmählich Brauchtümer und Traditionen auf und führt durch diesen Prozess die westliche Hightech-Gesellschaft in die Ungewissheit, nämlich wie man die eigene Identität fest verankern kann. Der SARCOPHAGUS wäre eine mögliche Antwort auf eine solche Ungewissheit – aber für wie lange?