Gesellschaft | 20.04.2009

Die zwei Gesichter von Wachtmeister Dimic

Im Bunker fallen die Hüllen. Das heisst, unliebsame Charakterzüge werden aufgedeckt. In drei Wochen Zwangsferienlager lernt man sich schliesslich gut kennen.
Damit das "Sturrrmgewehr" nicht im Schrank verrostet, gibt es den WK. Fotos: M. Pulfer. Männer unter sich: Nach drei Wochen kann auch das ganz schön ermüdend werden. Ob "Sperberauge" etwas davon mitbekommen hat?

„Meine Herren, in den nächsten drei Wochen herrscht Kriegszustand“, begrüsste der Kommandant nach einer kurzen Vorstellungsrunde die Einheit. Wir Soldaten blinzelten noch etwas verdutzt aus der Wäsche. Soeben hat man sich Zuhause aus der zivilen Alltagskleidung geschält, sah man sich jetzt in einem vierfruchtfarbenen Tarnanzug mit schweren Kampfstiefeln und jenem Gerät auf dem Rücken, das in den vergangenen Monaten höchstens einmal von den spielfreudigen Neffen aus dem Schrank geholt wurde: Die Ordonanzwaffe – das Sturrrmgewehr.

So standen wir frühmorgens auf einer saftig-grünen Wiese irgendwo in der Ostschweiz. Zu unserer Rechten führte ein betonierter Abgang in den Untergrund – es war der Eingang zum Zivilschutzbunker, der uns für die nächsten drei Wochen ein Dach über dem Kopf gewähren sollte. Auf der linken Seite standen ein paar schaulustige Passanten. Ihr Lachen signalisierte uns gleichzeitig Schadenfreude und Mitleid. Aus den Augen von ein paar älteren Herren, vermutlich alles alte Kriegshelden, blitzte noch ein wenig der hämische Stolz von vergangenen Grosstaten: „Verweichlichte Jugend von Heute“ dachten sich wohl einige der Kampfopas beim Anblick, der noch etwas unförmigen Einheit.

Manierliches Auftreten auch im Krieg

Soldat Etter* holte gerade zu einem genüsslichen Gähnen aus, als der Kommandant ihn unterbrach: „Soldat Etter! Ich möchte nicht ihre Mandeln sehen, wenn sie gähnen!!“ Etter zuckte leicht und überprüfte seine Haltung, während er mit seiner rechten Hand versuchte den aufgesperrten Mund zu verdecken. Dieser Kommandant hatte ein Sperberauge. Dem entging nichts – soviel stand jetzt schon fest. Jeder zerknitterte Kragen und offene Schnürsenkel würden in den kommenden drei Wochen von seinem Röntgenblick geortet, jedes zischelnde Geflüster und jedes Schmunzeln, sei es noch so unterdrückt, würde von seiner scharfen Stimme durchschnitten, wie weiche Butter von einem frisch geschliffenen Messer. Aufmerksam und unberechenbar war er, seine Präsenz kaum zu orten und sein Wesen: Immer und Überall.

Zum bissigen Kommandanten gesellten sich noch eine Handvoll Wachtmeister. Seine emsigen Helferlein sozusagen. Emsig waren sie allerdings nur gerade dann, wenn sie den Chef im Nacken spürten. Grundsätzlich waren sie recht angenehme Zeitgenossen, manch einer von ihnen vielleicht etwas überfordert von der plötzlichen Verantwortung, die sich ihm durch den militärischen Dienst aufbürdete, aber im allgemeinen recht umgänglich und für den einen oder anderen Spass zu haben. Wachtmeister Schöpflin* war dafür bekannt, dass er jeder vorbeilaufenden Frau (innerhalb einer Altersspanne von 15 bis 64 Jahren) nachgeiferte und grundsätzlich nie um einen sexistischen Witz zu faul war. In den Ausgängen zwitscherte er auch gerne mal nach dem einen oder anderem Wodka-Redbull zuviel, so dass er einst von seinen Wachtmeister-Kollegen an allen Vieren durch den Hintereingang und zurück in die Zivilschutzanlage getragen werden musste. Seine Matratze musste am darauf folgenden Morgen…doch das ist eine andere Geschichte.

Vom Kuschelbär in den Schwitzkasten genommen

Sein bester Kollege Wachtmeister Dimic* war äusserlich eine respekteinflössende Erscheinung. Zwei Meter gross und Arme so breit, wie ein durchschnittlicher männlicher Oberschenkel, sah er mit seinem Dreitage-Bartwuchs aus wie ein Mitglied der Panzerknacker-Truppe. Auch mit seinem Gehabe erinnerte er uns Soldaten gerne daran, wie gefährlich er sein könnte, würde man es denn einmal darauf anlegen. Den permanent gähnenden Soldat Etter nahm er regelmässig in den Schwitzkasten, währenddem er gleichzeitig dem dicklichen Soldat Vetterlin* den Schwanenhals demonstrierte – eine Handgriff-Art, die man vornehmlich bei festzunehmenden, dem Militär verdächtig erscheinenden Figuranten, anzuwenden pflegt. Vetterlin litt.

Es gab aber auch Stimmen, die mehr über Wachtmeister Dimic wussten. Privat mutiere der militärische Kampfroboter schnell einmal zum überdimensionalen Kuschelbär und seine gesamte Wohnung sei mit purpurenem Samt ausgestattet – der Teppich, das Ecksofa und sogar das Lenkrad seines tiefergelegten Golf-GTI. Wer jetzt Dimic in der Gay-Ecke vermutet, liegt falsch. Seine parallel zu den absolvierten Tagen dieses WK’s zunehmende Zuwendung für Etter und Vetterlin, war eher der Kategorie Langeweile als homoerotischen Fantasien im Tarnanzug zuzuschreiben. Wie ein zu gross geratenes Welpe, das eigentlich nur spielen will.

*Alle Namen geändert.

Mehr über den Autor


Martin Sturzenegger verbrachte diesen Frühling drei Wochen im Wiederholungskurs des Militärs. Zwecks Erlebnisverarbeitung und um langwierigen psychischen Schäden zuvorzukommen, berichtet er in einer dreiteiligen Serie über seine Taten und Untaten während dieser Zeit.

 

Ausblick: Das nächste Mal der dritte und letzte Teil von "Armee für Anfänger".