Gesellschaft | 06.04.2009

Das Mitgefühl des Max Mustermann

Kaum etwas bereitet den Menschen mehr Spass, als wegen anderer Leute traurig oder erzürnt zu sein. Überall wird mitgelitten und mitverurteilt, sei es bei Grey's Anatomy oder beim Inzestdrama in Amstetten. Weshalb interessieren uns wildfremde Menschen überhaupt?
Ich und der Star: Sehen, ohne gesehen zu werden.
Bild: Isabel Schnell / www.youthmedia.eu

Aristoteles sagte, der Mensch sei ein soziales Tier. Unsinn – er ist eine soziale Bestie! Gierig und gefrässig stürzt sich diese auf jede noch so belanglose Neuigkeit zu seinen Artgenossen, solange diese nach Skandal riecht. Je weniger Faktenfleisch am Knochen ist, umso besser, schliesslich will das Spektakel ja in kleinen, täglichen Häppchen genossen und verdaut werden. Hunger leidet die Bestie eigentlich nie, ganz im Gegenteil mästet die Presse sie mit frisch geschlachteten Geschichten aus dem Leben von Leuten, mit denen wir absolut nichts zu tun haben.

Der oberste Platz auf dem Speiseplan gehört natürlich unseren Stars und Cervelat-Promis. Einige von ihnen sind reich und besonders begabt, die Meisten wären es gerne und unterscheiden sich in dem Punkt kaum von Max Mustermann und Berta Beispiel. Trotzdem bevölkern nur sie als Abnormalsterbliche unsere Fernseher und Illustrierten. Sie verdienen ihr Geld damit, ihren Fans und leider auch allen anderen immer wieder neue skandalöse Aspekte ihres Lebens vor Augen zu halten. Wenn unsereiner einen ähnlich ausschweifenden Lebensstil führt, bringt das meist nicht mehr als ein erhöhtes Risiko, sich ein paar Geschlechtskrankheiten einzufangen. Warum nehmen wir uns trotzdem solche It-People als Vorbild, wenn sie uns nicht viel mehr als Verblödung bescheren?

Eine vergleichbare Anziehungskraft besitzen sonst nur Mörder und Vergewaltiger, das hat selbst das Schweizer Fernsehen bemerkt. Der Gerichtsprozess um Josef Fritzl hat diesem Hype einen traurigen Höhepunkt beschert: Für 24 Jahre Unmenschlichkeit erhielt er eine lebenslängliche Haftstrafe und zudem sieben Minuten Sendezeit in der Hauptausgabe der Tagesschau. Dass dabei Themen wie der immer noch ungelöste Konflikt im Nahen Osten oder die weltweite Wirtschaftskrise zu kurz kommen, liegt auf mindestens zwei Händen. Die Gräueltat eines Einzelnen sollte nicht mit diesen Problemen verglichen oder verharmlost werden. Sie gehört nur nicht an die Öffentlichkeit, denn unsere Empörung über den Täter bringt den Opfern gar nichts, wir befriedigen höchstens unsere Sensationslust damit.

Die Rolle der Prominenten

Aber warum sind wir denn so empfänglich für Meldungen über Personen, die nichts mit uns zu tun haben? Weshalb leiden wir mit unglücklich verliebten Schauspielern in Ärzteserien mit, aber nicht mit dem Onkel, der eine Scheidung hinter sich hat? Eigentlich geht es bei dieser Art des Mitfühlens gar nicht um den anderen Menschen, sondern um uns selbst und unsere Gefühlswelt. Die Fans bauen zu ihren TV-Stars eine Beziehung auf, welche sie ihre eigene Realität, ihre eigenen Probleme vergessen lässt. Die 17-jährige, die gerade keinen Freund hat, wird dann plötzlich zu Meredith Gray, die sich endlich wieder einen Chirurgen angeln konnte. Der Vorteil an dieser Art Beziehung ist natürlich, dass man sie jederzeit abbrechen kann. Wenn besagtes Aschenputtel ganz unverhofft doch vom Traumprinzen zum Abschlussball eingeladen wird, braucht sie sich nicht weiter um Dr.Gray zu kümmern, welche gerade erfahren hat, dass der Chirurg bereits eine Frau und eine Geliebte hat und nebenbei sowieso homosexuell ist.

Auch die Triebtäter, welche von der Presse derart ausführlich porträtiert werden, erfüllen ihre Funktion in unserem Leben. In einer Welt voller unsicherer Werte zeigen sie uns den Bösen, den wir noch von ganzem Herzen hassen dürfen. Denn alles Verständnis und die ganze Rücksicht, welche wir im täglichen Umgang mit unserem Umfeld haben müssen, fallen weg, wenn wir einen Kinderschänder verurteilen können, den wir nie zuvor als Menschen kennen gelernt haben.

Auch wenn uns die emotionale Verbindung mit den Bewohnern unserer Mattscheibe einige Vorteile bringt, ist doch zu vermuten, dass wir damit unser echtes Umfeld vernachlässigen. Freunde und Verwandte bereiten zwar hin und wieder Probleme, doch sind sie zur Stelle, wenn wir selbst weder ein noch aus wissen. Daher hätten sie sicher auch mehr Aufmerksamkeit unsererseits verdient als die Schönen und die Biester der Medienwelt.