Gesellschaft | 20.04.2009

Alles erfahren, nichts gewusst

Text von André Müller | Bilder von André Müller
Mehr Informationen bedeuten nicht mehr Wissen. In der Datenflut des Internetzeitalters können wichtige Zusammenhänge schon mal absaufen. Erleidet der kritische Journalismus am Ende gar Schiffbruch wegen Gratisblatt-Piraten?
Kommen zu viele Meldungen herein, taucht das Wichtige oft unter.
Bild: André Müller

Es reicht ein Klick zum schnellen Glück. Nachrichten, Wörterbücher oder Schulreferate schwimmen irgendwo da draussen im World Wide Web herum und warten nur darauf, von uns an Land gezogen zu werden. Seien es mittelalterliche Handschriften oder die Ferienfotos des Nachbarn, es gibt kaum etwas, was noch nicht aufs Netz gestellt wurde.

Nur fischen die Suchenden dabei allzu oft im Trüben. Wer sich nämlich mit der Suchlogik von Google und Co. nicht auskennt, wird mit einer Unmenge an Treffern überschwemmt und sieht sich im Normalfall gerade mal die ersten zwei bis drei davon an. Wie wichtig und repräsentativ diese Links für den gesuchten Begriff sind, wissen höchstens die Googlegötter.

Gott ist da eigentlich ein gutes Beispiel: Sucht man diesen mit der Suchmaschine, erhält man als Erstes eine Einladung zum Gospelbrunch oder erfährt die persönliche Meinung von xy, ob denn Gott überhaupt existiert. Wer nach diesen beiden Treffern seine Suche beendet, wird zwangsläufig zu einem ziemlich einseitigen Gottesbild kommen.

Zum Glück gibt es noch Wikipedia, den sicheren Hafen für die überforderten Schüler und die misstrauischen Lehrer dieser Welt. Die Artikel zu wichtigen Begriffen sind im Allgemeinen ziemlich gut recherchiert und mit weiteren zentralen Seiten zum Thema verlinkt. Im Allgemeinen wohlverstanden, im Einzelfall können die Texte sehr einseitig, falsch und tendenziös sein. Weil die Enzyklopädie noch nicht vollständig „peer reviewed“ ist, das heisst, da nicht alle Texte von anerkannten Fachleuten gegengelesen wurden, hat der Laie keine Sicherheit, ob der Text auch wirklich die entscheidenden Fragen zum Suchbegriff beantwortet.

Auch der Journalismus hat sich den digitalen Gegebenheiten angepasst, was nicht nur positive Folgen hat. Neue Gratisblätter und Online-Redaktionen berichten dem Leser zwar vom tagesaktuellen Geschehen, lassen es aber meist unkommentiert im Raum stehen, weil sie selten eigene Leitartikel, Kommentare und Hintergrundberichte dazu publizieren. Gerade diese Textformen sind aber für eine gründliche Meinungsbildung wichtig, da sie die Zusammenhänge zwischen Ereignissen aufzeigen. Aufstände von islamistischen Rebellen in Pakistan erhalten nämlich eine andere Bedeutung für uns, wenn wir wissen, dass Pakistan über Atombomben verfügt. Wenn man bedenkt, dass ein Grossteil der Medien aktuelle Berichte oftmals von derselben Depeschenagentur übernimmt, wäre es umso entscheidender, sich verschiedene Meinungen dazu anzuhören.

Die Möglichkeiten, an Informationen zu gelangen, sind heute beinahe grenzenlos. Umso grösser ist die Gefahr, dass die eigene kritische Haltung im Wortschwall, der aus den Medien zu uns herüberschwappt, nicht untergeht.