Kultur | 30.03.2009

Wer braucht schon Musikinstrumente?

Text von André Müller
Während 10 Tagen gab das A Capella Festival in Rorschach den Ton an. Vokalensembles aus Österreich, Deutschland und der Schweiz unterhielten die Zuhörer mit funkiger, ruhiger oder komödiantischer Gesangskunst.
Gregorio D'Clouet Hernández (links), Katharina Debus und Thomas Piontek von den Stouxingers haben ihren Spass am Auftritt in Rorschach. Fotos: André Müller Weder die technischen Schwächen des Fotoapparats, noch die mangelhaften Fähigkeiten des Fotografen können verhindern, dass halbacht eine gute Figur abgeben.

Am Samstagabend besuchten fünf Gruppen fünf Restaurants der Stadt mit einem abwechslungsreichen Songrepertoire im Gepäck. Harmonien und Ambiente stimmten durchaus, fanden Bodensee und Tink-Redaktor.

Rorschach, 20 Uhr, Seerestaurant. Der Bodensee plätschert draussen etwas gelangweilt vor sich hin und scheint auf irgendetwas zu warten. Einige Lichter schauen von Deutschland gespannt herüber, ob sich denn schon etwas tut auf der Bühne. Und ja, es tut sich etwas! Fünf Damen in Trachten der Gruppe „Crazy Voices“ stellen sich auf, doch – oh Schreck! – sie scheinen ihre Musikinstrumente zuhause im Bregenzerwald vergessen zu haben. Anstatt nun einige Handörgeli herbeizuhexen, zaubern sie allein mit ihren Stimmen gefällige Lieder in den Saal. Zu Beginn herzig und heimelig, aber mit der Zeit durchaus anspruchsvoll. Die Zuhörer erfahren, dass diese Trachten eigentlich Juppen heissen und man diese früher zu jeder Gelegenheit getragen hat. Dem weltoffenen Ostschweizer scheint solche Allzweckkleidung zwar reichlich suspekt, doch zum Singen taugt die Juppe ohrenscheinlich.

Tanzender See
Kaum sind die Damen mit ihrem wohlverdienten Applaus verschwunden, betritt „Halbacht“ um halb neun den Saal. Die Zürcher zeigen zu viert einen gelungenen Stilmix, frisch und fruchtig. Auch die Bühnenshow gefällt gut, besonders wenn nebenher die Fahrerflucht eines Affen aus dem Forschungslabor besungen wird.

Der dritte Akt bildet schliesslich den eindeutigen Höhepunkt des Abends, wie es kein Theaterregisseur besser hätte inszenieren können. Die „Stouxingers“ aus Berlin begeistern das Publikum mit ihrer Mischung aus Funk, Jazz und Geräuschexperimenten, dass sogar die Wellen des Bodensees sachte mitgrooven. Nicht umsonst haben die sechs Stimmartisten, eine Sängerin und fünf Sänger, im letzten Jahr den „A Cappella-Grammy“ oder „CARA“ für den besten Jazzsong weltweit erhalten. Sie müssen denn auch zwei Zugaben zum Besten geben, bevor die Audienz sie zum nächsten Lokal ziehen lässt.

Es folgen die vier A Cappella-Frauen von „SchalluSie“, welche extra aus Köln angereist sind, um der Schweizer Zuhörerschaft ein paar Dinge zu Pferdehaltung und Intrigen am Arbeitsplatz zu sagen, beziehungsweise zu singen. Mit Erfolg: Das witzige Programm irgendwo zwischen Reggae und Pop vermag zu überzeugen. „Ich mob die Hedwig“, eine Interpretation von Bob Marley’s „I shot the Sheriff“, bringt beispielsweise interessante neue Ideen für den Umgang mit unliebsamen Mitarbeitern und Bossen.

Felsenfeste Kompositionen

Den Schlusspunkt setzen „Art Of Voice“ mit leichteren Popsongs aus dem fernen Osten Österreichs. Die bisweilen etwas gar leichten Stücke bringen immerhin den See wieder zur Ruhe. Trotzdem gilt auch bei ihnen, was schon den ganzen Abend lang aufgefallen ist: Man hört keine falschen Töne und die Kompositionen sitzen so felsenfest wie der Säntis im Alpstein.

Um elf Uhr verstummen die letzten Harmonien und die Tische leeren sich. Zurück bleibt für einmal kein Tinnitus, sondern die Erkenntnis, dass A Cappella mehr ist als blosser Gesang. Die Stil- und Klangvielfalt, welche sich aus ein paar Stimmen ergeben, sind enorm und bereichern die Musik- und Chorszene ganz bestimmt. Der Motor springt an und Rorschach verschwindet langsam im Rückspiegel, doch der Bodensee wiegt noch immer mit dem leisen Groove des Abends.