Gesellschaft | 16.03.2009

Was machen Marroniverkäufer im Sommer?

Text von Edith Truninger | Bilder von Stefan Wallimann.
Wärst du gerne einmal Marroniverkäuferin? Das möchte die Amazone von ihren Freundinnen wissen und ist erstaunt, wieviel die Antworten über die Person verraten.
Bild: Stefan Wallimann.

Eine berechtigte Frage angesichts erster sehr zaghafter Versuche eines Frühlings. Kaum setzt die erste grosse Schneeschmelze ein, verschwinden die Marroniverkäufer genauso plötzlich wieder aus dem Strassenbild, wie sie im Herbst plötzlich da waren. Und manch einer mag sich vielleicht die Frage stellen, wie sie ihre Zeit verbringen, nachdem sie die letzten Monate über jeden Tag von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang Schneeböen und Minustemperaturen getrotzt haben. Höchste Zeit also, den fliegenden Maronen-Händlern Anerkennung zu zollen und ihnen einige Zeilen zu widmen.

Vor einigen Tagen ist mir „33 Fragen“ in die Hände gefallen, einen Fragekatalog, den ich einmal aus einer Laune heraus zusammenstellte und an meine Freundinnen schickte. Frage Nummer 17 lautet: „Wärst Du gerne einmal Marroniverkäuferin?“ Ich bilde mir manchmal ein, eine natürliche Begabung dafür zu haben, die richtigen Fragen zu stellen – doch mit Verlaub: Sogar Publizistikstudenten im ersten Semester würden geringschätzig über so eine Frage in einem Fragebogen lächeln, ist sie doch geschlossen gestellt, man kann sie also leicht mit einem simplen „ja“ oder „nein“ beantworten. Mist. Mist. Mist. Umso mehr überraschte es mich, wie ungemein dicht die Antworten meiner Freundinnen ausgefallen waren. Mit einer so simplen Frage ergründet man das Wesen eines Menschen manchmal besser als mit jeder vorgefertigten Standardfrage aus dem Psychologie-Handbuch.    

Meine Freundin Lockenkopf zum Beispiel schreibt: „Nein eigentlich nicht, ich würde sie lieber sammeln“. Diese Antwort passt wie die Faust aufs Auge zu meiner Freundin Lockenkopf, die an Ostern das „Nestli“ jedes einzelne Jahr innert Sekunden findet. Ich sage das mit einem gewissen Neid, aus gutem Grund, ist Lockenkopf doch eine grosse Finderin, ohne wirklich eine Suchende zu sein. Bei mir ist es eher umgekehrt, ich bin eine Suchende, aber Finden gehört nicht zu meinen Stärken. Deshalb bin ich auch immer die Allerletzte, die das „Nestli“ findet, während meine Freundinnen mir bei meiner verzweifelten mit guten Ratschlägen zur Seite stehen und sich gleichzeitig krumm lachen. Meine Antwort auf die Frage 17 lautet: „Nein. Es ist mir zu kalt. Aber es wäre gut, um Umfragen zu machen. Ich würde pro Tag einer Fragestellung nachgehen. Aber wahrscheinlich wären meine Kunden damit überfordert und ich hätte bald keine mehr.“

In eine ganz andere Richtung geht die Römerin. Sie sagt: „Ja mich würde Wunder nehmen, ob ich frieren würde.“ Das lässt auf eine grosse Experimentierfreudigkeit schliessen, die gut zu einer Frau passt, die sich gerne selbst neu erfindet. Schliesslich denken wir alle, dass wir frieren würden. Mit letzter Gewissheit können wir das doch aber nur sagen, wenn wir es selbst ausprobiert haben. Im Gegensatz zu uns anderen ist es für die Römerin eine Selbstverständlichkeit, als Gegeben Betrachtetes in Frage zu stellen. Meine Freundin Kaktusblüte schliesslich antwortet: „Ja, aber nur für ein Tag oder eine Woche, und nur wenn die Sonne scheint, wenn es regnet hätte ich keine Lust. Ich finde den Marroniverkäufer zuoberst in der Marktgasse sieht immer sehr zufrieden aus.“ Kaktusblüte also offenbart sich als Schönwetter-Marroniverkäuferin, was gut zu einer Frau passt, die offen für vieles ist, solange die Rahmenbedingungen stimmen. Sie spricht auch von ihrer Beobachtung, wie zufrieden Marroniverkäufer wirken.

Das erinnert mich an den Abreisskalender für den Monat März. Darauf steht: „Schöne Dinge für den Sommer planen, aber auch das Jetzt geniessen, das ist Lebenskunst.“ Vielleicht sind wir dem Geheimnis des zufriedenen Marroniverkäufer damit bereits ganz dicht auf der Spur. Was er im Sommer macht, wissen wir nach diesem kleinen Exkurs zwar immer noch nicht. Aber ich bin mir ganz sicher, dass er es nicht verpassen wird, jene Schönen Dinge wirklich werden zu lassen, die er sich über den Winter ausgedacht hat.

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