Gesellschaft | 02.03.2009

Vitamine fürs Ohr

Text von Luzia Tschirky
«Noch dreissig Sekunden, dann sind wir auf Sendung." Oje, die Reporterin von Tink.ch war sich des von ihr verursachten Lärms noch nie so bewusst, wie in diesem einen Moment. Die Verwandtschaft zu Elefanten war bisher kein Thema, doch bei solch einem Gestampf kommen Zweifel auf.
Den Jugendlichen wird viel Verantwortung übertragen. Fotos: Luzia Tschirky Hohe Konzentration kurz vor Sendung. Kleine Patzer kommen schon mal vor.

Leise versucht man sich um den Tisch zu schleichen, an dem Jugendliche des Radio „Vitamin R“ gerade ein Interview zum Thema Klimaschutz durchführen. Was ist denn dieses Radio „Vitamin R“? Wie kommen Jugendliche an den doch verantwortungsvollen Job von Moderatorinnen und Moderatoren? Anmelden für die Arbeit konnte sich eigentlich jeder, der zwischen 13 und 19 Jahre alt ist und aus der Stadt St. Gallen und Umgebung kommt. Je nach Sendung, die die Jugendlichen mitproduzierten, dauerte die Vorbereitungszeit zwischen drei und sechs Monaten. Die jungen Leute sind also nicht nur im Studio hinter dem Mikrofon aktiv. Nein, auch unterwegs in St. Gallen konnte man sie im Vorfeld und während der Sendezeit vom 9. bis zum 20. Februar bei der Arbeit antreffen. Einmal abgesehen davon, dass es ein aufregendes Gefühl ist, eine Radiosendung moderieren und produzieren zu dürfen, steckt noch viel mehr hinter der Idee.

Grosse Unterschiede

Ziel des Projektes ist es nämlich, den Jugendlichen Verantwortung zu übergeben. Man lässt sie so spüren, dass man ihnen etwas zutraut, an sie glaubt. Die Unterschiede zwischen den Teilnehmenden sind natürlich sehr gross. Die einen stürzen sich in die Arbeit, lassen Hemmungen hinter sich und machen im ersten Augenblick den Eindruck auf mich, als ob sie nie etwas anderes gemacht hätten in ihrem Leben. Andere wiederum trauen sich in den ersten Momenten nicht so viel, sind verunsichert und froh, dass sie nicht alleine in der Gruppe sind. Doch bei Vielen fallen solche inneren Mauern nach den ersten Anfangsschwierigkeiten schnell einmal. Das Radiofieber scheint in diesem Studio alle befallen zu haben, ungeachtet der kalten Temperaturen draussen. Nicht nur die Themen sind durch die Jugendlichen bestimmt, nein, auch die Musik kann am Abend durch Wünsche per SMS oder via Mail von den grösstenteils jungen Hörerinnen und Hörer mitbestimmt werden.

Es muss nicht perfekt sein
Nun mag dies das Radio ein wenig in den Mainstream hineindrängen, aber im Gegenzug wird die Musik gesendet, die die jungen Leute auch wirklich hören möchten. Das Studio im Pfarreiheim Rotmonten in St. Gallen schwankt zwischen sichtbarer Improvisation und Anfängen von Professionalität. Vom Bahnhof aus fährt man mit dem Bus Richtung Universität, wobei die Schneeverhältnisse und die Fasnacht die Fahrzeit nicht gerade verkürzen. Diese Abgeschiedenheit lässt dem Radio etwas Untergründiges anhaften. Seit nun schon zehn Jahren gibt es dieses „Untergrundradio“. Ein Zeichen, dass das Ganze ein Projekt mit Zukunft ist. Ins Leben gerufen wurde das Ganze von der kirchlichen Jugendarbeit und dem Jugendsekretariat der Stadt St.Gallen. Radio und Kirche, ist das nicht irgendwie eine schwierige Kombination? Besteht nicht die Gefahr, dass durch die Geldgeber im Hintergrund der Vordergrund zu stark beeinflusst wird? Das dem nicht so ist, beweist die Tatsache, dass die Jugendlichen bei der Wahl der Themen vollständig frei sind. Solange sich Idee und Konzept der einzelnen Sendungen damit vereinbaren lassen, unterstützen die wenigen Erwachsenen die Jugendlichen so gut es geht. Das Ziel ist nicht eine möglichst perfekte Sendung zu produzieren. Es soll im Grunde für kurze Zeit ein Radio empfangbar sein, dass nicht nur die Hörenden begeistert, sondern auch die noch sehr jungen Radiomacherinnen und Radiomacher.

Patzer weglachen

Dies scheint wirklich erreicht worden zu sein. Trotz einiger kleiner Patzer, die vor allem bei den Mädchen mit dem typischen Kichern quittiert werden, sind die Jugendlichen konzentriert bei der Sache. Das Programm, das in diesem Jahr unter dem Motto „Wa losesch enart?!“ stand, ist wirklich stark auf die Interessen der Jugendlichen ausgerichtet. Es kommen junge Bands aus der Region zu Wort, die noch nicht sehr bekannt sind. Es wird jedoch nicht nur live im Studio interviewt, die jungen Musikerinnen und Musiker geben auch noch etwas aus ihrem Repertoire zum Besten. An diesem Abend ist eine reine Frauenband zu Gast. Sie sind nicht nur talentiert im Singen, Gitarre-, Bass- und Schlagzeugspielen. Die vier Mitglieder der Band „Young Blood Heard Bread“ geben auch ein gutes Beispiel gegen den Mainstream ab. Inspiration finden sie in der Musik der sechziger und siebziger Jahre, seien dies nun „The Rolling Stones“, „The Who“ oder Eric Clapton. Das Engagement ist auf beiden Seiten der Mikrofone vorhanden, schliesslich wird in der Band acht Stunden und mehr pro Woche geprobt. Ein ganz schönes Pensum neben der Ausbildung. An einem anderen Abend war auch schon der Nachwuchs des FC St. Gallen zu Besuch, womit nicht mehr nur die jungen Hörer sondern auch die jungen Hörerinnen angesprochen wurden. Die Bandbreite der Themen ist scheinbar unbegrenzt. Voraussichtlich wird es im nächsten Jahr diese sehr wertvolle Plattform zum elften Mal geben. Wer weiss, vielleicht hat die Reporterin von Tink.ch dann auch das Leisesein ein bisschen besser im Griff.

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