Gesellschaft | 09.03.2009

„Vermissen werde ich gewiss nie die Sturheit“

Text von Luzia Tschirky
Dass die Ostschweiz mehr zu bieten hat als die Olmabratwurst oder den Skispringer Simon Ammann, ist wohl klar. Seit dem letzten Sommer ist Tink.ch nun auch in diesem Teil der Schweiz aktiv, durch die Lokalredaktion St.Gallen. Höchste Zeit also, einmal zu berichten, was dieses "Mehr" sein könnte.
Die Schönheiten von Sargans laden zum Verweilen ein. Fotos: Luzia Tschirky

„Ach, woher kommst du? Aus Sargans? Jaja, doch, das kenne ich schon, aber nur so vom Durchfahren.“ So oder so ähnlich reagieren die meisten, wenn ich auf meinen Wohnort zu sprechen komme. Kaum jemand hat von diesem Dorf oder seiner Umgebung schon mehr gesehen, als es ein paar wenige Blicke zur Windschutzscheibe hinaus erlauben würden. Die Schnellzüge halten zwar auch, aber doch nur, da es sich um einen Verkehrsknotenpunkt zwischen den drei Städten Chur, Zürich und St. Gallen handelt. Obwohl man auf dem Land ist, gibt einem der nahe Anschluss an den Verkehr eigentlich gar nicht das Gefühl, abgeschieden zu sein, an der Realität der heutigen Welt irgendwie vorbei zu leben. Das man doch nicht ganz so städtisch ist, wie man meint, wird einem erst bei einem Stadtbesuch wieder einmal deutlich.

Vieles wie anderswo auch, oder?
Die Region um Sargans ist durchaus typisch für die Schweiz. Ähnliche Dörfer sind wohl in der ganzen Schweiz zu finden. Aber dennoch gibt es die eine oder andere Besonderheit. Bei kantonalen oder nationalen Abstimmungen ist das Sarganserland meist nicht der gleichen Meinung wie die Mehrheit. Konservatives und rechtes Gedankengut fallen hier meist auf fruchtbaren Boden. Ob es nun um das Thema Personenfreizügigkeit oder um Nichtraucherschutz geht. Woher das kommt, ist schwer zu sagen. Zum einen fühlen sich die Einwohner verbunden mit ihrem Dorf, ihrer Heimat und allem, was ihrer Meinung nach dazugehört. Gewisse Parteien machen sich dies zu Nutze, indem sie durch eine sehr vereinfachte Darstellung der Wirklichkeit den Leuten Lösungen vorlegen, die so logisch und einfach erscheinen, dass man kaum Einwände gegen sie finden mag. Gewisse Gefühle der Menschen, wie der Wunsch nach Freiheit in allen Lebensbereichen, sind so kostbar, dass man sie wie einen Augapfel hütet. Auch wenn diese Vorsicht oftmals übertrieben ist und man nur schon durch den Verdacht auf Bedrohung jegliches rationale Denken vergisst. Die Menschen in der Gegend werden oft als ruppig, sehr direkt und allgemein als wenig taktvoll empfunden. Wie sehr dies zutreffen mag oder nicht, ist kaum zu sagen. Obwohl man natürlich davon ausgehen kann, dass solche Verallgemeinerungen niemals eins zu eins mit der Realität übereinstimmen. Im Alltag überkommt einen doch noch ab und zu das Gefühl, dass ein Körnchen Wahrheit in dem Klischee steckt.
 
Unterschiede auf kleinem Raum
Die Entwicklung, die sich in den letzten Jahrzehnten vollzogen hat, ist kaum vorstellbar. Noch bis vor vierzig Jahren galt das ganze Gebiet als rückständig und hinterwäldlerisch. Noch heute ist die Gegend weitgehend unbekannt, aber für Ortsansässige hat sich scheinbar alles verändert. Was soll denn so sehenswert sein, dass sich ein Besuch überhaupt lohnen würde? Man könnte nun vom Schloss Sargans erzählen, oder von der kleinen Altstadt, die es doch schon einige Jahrhunderte gibt. Doch mit diesem Text soll keine übliche Reiseführerdokumentation nachgeahmt werden, sondern man soll ein wenig mehr erfahren können, was es bedeutet, hier zu leben. Es gibt Dörfer in der Gegend, in denen jeder jeden kennt, man weiss wer mit wem und wann und vielleicht sogar warum. Nur fünf Kilometer entfernt kennen sich die Nachbarn nicht einmal vom Sehen sondern nur vom Namen am Briefkasten. Auch das ist eine Veränderung, die in der ganzen Schweiz, ja auf der ganzen Welt spürbar ist. Man meint nun vielleicht, dies auf die Grösse der Ortschaften zurückführen zu können, aber dem ist zumindest in dieser Gegend nicht so. Da gibt es Dörfer, die auf Grund ihrer Einwohnerzahlen den Namen „Stadt“ im schweizerischen Verständnis schon bald einmal tragen dürften und dennoch das dorfähnlichere Bild abgeben, als deutlich kleinere Dörfer. Was auch noch erstaunen mag, ist beispielsweise die Lebenserwartung im Vergleich zum restlichen Kanton. So ist die Sterblichkeit der Frauen im Sarganserland um 10 bis 15 Prozent höher, als der Kantonsdurchschnitt. Worauf dies zurückzuführen ist, kann man nur spekulieren. Leben die Leute hier einfach ungesünder? Wird mehr geraucht, weniger Sport gemacht oder ist die Zahl schlicht und einfach Zufall? Der letztere Punkt darf wirklich bezweifelt werden. Denn dazu ist die Abweichung zu gross. Auf alle Fälle zeigt sich, dass trotz der scheinbar kurzen Distanzen zwischen den einzelnen Gegenden des Kantons sich Unterschiede bemerkbar machen, die man in einem solchen Ausmass nicht vermuten würde.

Was wird fehlen?
Noch diesen Sommer werde ich weg ziehen aus Sargans, die Ausbildungsmöglichkeiten sind noch immer an anderen Orten als hier zu finden. Vermissen werde ich vielleicht ab und zu die Bodenständigkeit der Leute, gewiss nie die Sturheit. Aber auf alle Fälle werden mir die Berge fehlen, die kleine Kapelle und der Ausblick, den man vom Schloss aus hat. Die Spleekapelle ist heute ein Ort, an dem man sich trifft, vor allem im Sommer, wenn kein Schnee auf den Wiesen und den Parkbänken liegt. Das Schloss ist zu Fuss in einer guten Viertelstunde zu erreichen und unterwegs kommt man an der besagten Kapelle vorbei. Vielleicht trefft ihr mich ja im nächsten Sommer dort, wenn ihr den Weg nach Sargans finden solltet. Dann erzähle ich euch auch gerne noch ein wenig mehr.