Gesellschaft | 30.03.2009

Suchen, um zu suchen

Brockenhäuser schütteln sich den Achtzigerjahre-Mief vom Leib und präsentieren sich heute als Designhort für Kurioses und Vergessenes. Eine Hmyne des Lobes (Preis bitte an der Kasse erfragen).
Keine Allerweltsware: Möbel aus der Brocki.
Bild: Sara Pieper/youthmedia.eu Und jetzt: Finde die elektrische Zahnbürste. Daniel Grunder

Der Markt blüht und für viele jüngere und junggebliebene Leute gehört der allwöchentliche Gang ins Brockenhaus zum festen Bestandteil der Freizeitgestaltung. Seien es Möbel oder andere mehr oder weniger dekorative Einrichtungsgegenstände für die Wohung, seien es Kleider für die Kostümparty oder den bevorstehenden Sommer; Mann und Frau geht ins Brockenhaus, sucht und findet. Und wenn nicht heute, dann halt nächstes Mal. Vielleicht.

Die Sehnsucht nach Objekten, die eine Geschichte zu erzählen haben und dadurch zu Unikaten werden, scheint jedenfalls ungebrochen. Altes verkörpert bleibende Werte und die abgenutzte, aber stilechte Skijacke aus den Siebzigern hebt sich auf der Strasse angenehm dezent von Hennes und Mauritz ab.

Die nicht selbstverständliche Verfügbarkeit des nach Stunden im Brockenhausgewühl gefundenen Filzblazers in der passenden Grösse und das Gefühl der Ohnmacht, das gute Stück nicht einfach nachbestellen zu können, macht geradezu den Reiz eines Besuchs im Brockenhaus aus. Enttäuschung manchmal einfach dazu. Findet sich dann mal das passende Stück, so ist die Freude darüber gross und das Gefühl nach dem Kauf geradezu unbeschreiblich.

Mancheiner zeitplanende Zeitgenosse mag sich fragen, worin der Sinn besteht, sich einen ganzen Samstagnachmittag in der Brocki zu tümmeln, um diesen Hort des Chaos am Ende doch wieder ohne passende Winterjacke zu verlassen. Doch ist es vielleicht genau dieser menschliche Trieb der Suche nach der Suche. Das Internet ermöglichte es uns ja eigentlich, all unsere durch Käufe zu befriedigenden Bedürfnisse vom Sofa aus abzudecken. Müller und Meier können das, alle können das. Sicherlich sind Ricardo und ebay die virtuellen Pendants zur Brocki um die Ecke und sicherlich findet sich online alles, was das Käuferherz begehrt (in der passenden Konfektionsgrösse, wohlbemerkt). Trotzdem, in der Brocki läuft der Hase anders.

Eine Katalogisierung fällt in der Brocki weg. Halbwegs organisierte Brockenhäuser teilen ihre Räumlichkeiten nach kleineren Möbeln, Elektronik, Küche, Geschirr, Schuhe, Kleider, Bücher, Spielwaren und grösseren Möbeln ein. Und dann gibt es noch das Regal für kleinere Küchenutensilien. Und dort wiederum findet sich noch ein Regal für Lederwaren. Und Koffer. Gleich nebenan noch ein kleines Gestell mit Lampen. Ein richtiges Brockenhaus ist ein Labyrinth, und das ist gut so. Und Brockis riechen. Hätten Düfte eine Farbe, die Luft in Brockenhäusern wäre getränkt mit schönen Sepiatönen, gemischt mit warmem orange, vergilbtem gelb und Siebzigerjahrebraun. Und der aufmerksame Leser mag richtig bemerken, auch Schwaden von rosa. Weshalb ich mich jetzt aus dem Sofa hebe und kurz noch einen Abstecher ins Brocki mache. Brauchen tue ich ja eigentlich nichts. Aber so eine alte, lederne Arzttasche wär halt schon noch schön.