Gesellschaft | 09.03.2009

Schöne Erinnerungen bei einem Caramel Macchiato

Text von Samy Ebneter
Unser Kolumnist Samy Ebneter kann dem Ruf der grünen Schönheit nicht widerstehen. Zu verlockend sind bequeme Samtsessel und ein Kaffeegeruch, der die Erinnerung an eine verflossene Liebe weckt.
"Ich lasse die grüne Sirene nicht aus den Augen". Fotos: Samy Ebneter Eine alte Tradition: Der Kartonbecher.

Ich schlendere durch St.Gallen. Meine Heimatstadt. Die Stadt mit Kultur, Party und jeder Menge Asiatischer Touristen, mit ihrem penetranten Geknipse auf ihren Fotoapparaten. Die beissende Kälte zwingt einen regelrecht, in das nächste Café zu stürzen und ein warmes, wohltuendes Getränk zu bestellen. Aber ich habe keine Lust auf eine genervte Serviceangestellte, die mir eine Brühe, die sich Kaffee nennt, mit saurer Sahne serviert. Alleine der Gedanke an meinen letzten Cafébesuch lässt mich chronisch depressiv werden. Von Service war etwa soviel vorhanden, wie es Wasser in der Wüste gibt.
Ich habe mein Ziel fest in Gedanken, gehe an jedem Schaufenster ohne Beachtung vorbei und lasse die grüne Sirene nicht aus den Augen. Unter dieser Schönheit betrete ich die warme Stube.

Heimlicher Liebling
Der Kaffeegeruch schiesst mir in die Nase, er riecht frisch und zieht einen sofort in das „Starbucks-Feeling“. Wie oft bin ich schon hier gestanden? Und jedes Mal ist schon dann die Vorfreude da gewesen, mich in die weichen, bequemen Samtsessel fallen zu lassen.
Doch zuerst einmal meinen wohlverdienten Kaffee bestellen. Ich schaue auf die grosse Tafel, weiss aber eigentlich schon beim Betreten des Cafés, was ich bestellen werde. Ich ertappe mich doch immer wieder selber, wie ich in Gedanken schwelge, ein anderes Getränk zu nehmen. Aber jedes Mal bestelle ich am Ende doch den „Caramel Macchiato“. Mein heimlicher Liebling. Obwohl heimlich schon übertrieben ist, die Kassierin hat bei mir keine grosse Arbeit. Der „Caramel Macchiato“ ist schon eingetippt, bevor ich überhaupt am Tresen stehe. Ich bin wohl im Laden doch bekannter als mir lieb ist, zumindest was meine Bestellung anbelangt, meinen Name hat sie nämlich seit dem letzten Besuch schon wieder vergessen. Aber auch egal, ich will nur noch meinen Kaffee.
Nun sitze ich da, im weinrotfarbenen Fauteuil. In der Hand der Kartonbecher. Ich bestelle ihn immer, auch wenn ich mich, wie gerade jetzt, alleine im Starbucks aufhalte. Alte Gewohnheit, bereits ein wenig Tradition.  

Zeit spielt keine Rolle
Auf meinem Schoss klappe ich meinen schwarzen und Bürostil vermittelnden Laptop auf. Ein weiteres grosses Plus an die Adresse von meinem Lieblingskaffekocher! Ich darf an meinem geliebten Laptop arbeiten und dazu noch gratis dreissig Minuten surfen. Na also, ich bin am richtigen Ort!
Ich beginne also diesen Text zu schreiben – und in diesem Moment weiss ich auch schon nicht mehr, was ich schreiben könnte über meinen Lieblingsort.
Obwohl, ich schaue mich gerade um. Und merke, dass ich in meiner Lieblingsecke sitze, in meinem Lieblingscafe. Hier habe ich doch schon einige schöne Momente erlebt. Ja, hier hatte ich sogar mein erstes wirkliches Date, welches so ausging, wie es sich doch jeder wünscht. Ich, der scheue Samy (ja, auch heute noch, ich gebe es zu), habe mich kaum getraut, mich der holden Weiblichkeit zu nähern. Glücklicherweise war die wunderschöne Dame gegenüber nicht so zaghaft und überraschte mich ziemlich mit Ihrer Annäherung, die… nun ja…nicht nur bei einer zärtlichen Handberührung blieb. Aber lassen wir das Thema, dieser Text geht ja schliesslich online. Und es ist doch auch schon einige Zeit vergangen, wie auch die Liebe vergangen ist. Aber man schwelgt doch immer wieder gerne in alten und schönen Erinnerungen. In diesem Moment schaue ich auf die Uhr und merke, dass ich die Zeit einmal mehr vergessen habe. Mein Transportmittel ist gerade auf Gleis Fünf davon gefahren, aber es ist mir eigentlich ganz egal! Eine halbe Stunde länger warten liegt drin. Schliesslich kann die Gegenwart von ein wenig melancholischer Musik, des schmackhaften Caramel Macchiatos und des guten alten weinroten Sessels nur zum Besten beitragen.