Gesellschaft | 02.03.2009

Nicht das Gelbe vom Ei, aber immerhin das Weisse

Anstatt Leute im Zug zu belauschen, wirft unser Kolumnist lieber einen symbolischen Blick aus dem Fenster, auf die Schweiz ausserhalb des Intercitys. Sein Pendlerdasein nutzt er als Inspiration.
Wer nicht schläft, erblickt ausserhalb des Zuges manch Interessantes.
Bild: lennox_mcdough/ flickr.com

Ich sass neulich im Zug und dachte darüber nach, wie ich in Zürich ein Überbleibsel unserer kapitalistischen Gesellschaft traf. Er lag auf einer dreckigen Wolldecke neben einer Mülltonne voller Abfall unserer kapitalistischen Fastfoodkette und grüsste mich freundlich. Ich fragte ihn nach seinem Befinden und seiner Unterkunft. Er meinte bloss, es sei wohl nicht das Gelbe vom Ei, aber doch immerhin das Weisse, was ja ohnehin gesünder sein soll. Ohne mich weiter nach seiner Gesundheit zu erkundigen, begann ich, vom Mitgefühl mitgerissen, ihm von Sozialwerken zu erzählen, von Arbeitslosenversicherungen, Fürsorgeinstitutionen und Second Hand Shops. In höflichem, aber bestimmten Tonfall erwiderte er, er wolle niemandem zur Last fallen mit seiner Tätigkeit, er komme schon zurecht.

Ich staunte. Ein Selfmademan! Ein Unternehmer! Einer, der den Amerikanischen Traum in unser Land bringt, ohne das Bankgeheimnis zu zerstören! Da ich etwas misstrauisch war, ob ein offensichtlicher Systemverlierer ebendieses System unterstützen könne, stellte ich ihn auf die proletarische Probe. Ich wollte es genauer wissen und erläuterte ihm Begriffe wie Klassengesellschaft, materialistische Dialektik und die kommunistische Weltrevolution. Er hörte mir aufmerksam zu, dachte kurz über die rote Rede nach und lehnte meine Ideen dennoch dankend ab. Wenn der Kapitalismus verschwände, nähme er sicher auch die Fastfoodkette mit ihren Überresten mit in die Vergangenheit. Wie solle er dann seinen Lebensunterhalt bestreiten, fragte er. Nein, der Staat solle ihn nur in Ruhe arbeiten lassen und dann wäre das schon gut.

Mit meinem sozialstaatlichen Latein am Ende, dankte ich ihm für das interessante Gespräch und liess ihn seinen Job erledigen. Anscheinend gab es doch einen Menschen, dem seine Prinzipien wichtiger waren als sein Wohlergehen. Und als ich kurze Zeit später den staatsgarantierten, finanzwelttragenden und verbankheimlichten Paradeplatz durchschritt, gedachte ich wehmütig des letzten richtigen Kapitalisten der Schweiz.

Mach mit!


Gehörst du auch zu jenen, die das tägliche Pendeln nicht schlafend verbringen und Augen und Ohren offenhalten für spannende Geschichten, direkt aus dem Leben gegriffen? Wir sind gespannt, was ihr beim Blick aus dem Zugfenster entdeckt habt! Eure Texte könnt ihr an thinh-lay.tong(at)tink.ch senden.