Gesellschaft | 23.03.2009

Mitternachtsblues

Was tun, wenn man von unerwünschten Erinnerung überrollt wird? Was tun, wenn jede Denkpause davon eingenommen wird? Hier der Ausweg.
Ablenkung braucht unsere Kolumnistin, vor allem von ihrem Natel.
Bild: Franziska von Schroeders/youthmedia.eu

Vielleicht ist es der Frühling, vielleicht hat man sich aus Ennui koordiniert – alle sind im Moment emotional durch den Wind. Ich kriege gegen das Wochenende hin den Mitternachtsblues. Dieser ist das Phänomen, welches spät Nachts alle Gründe, den Verursacher meines Herzschmerzes doch zu kontaktieren, logisch völlig einwandfrei erscheinen lässt.Und so schicke ich im nüchternen Zustand überflüssige Textnachrichten an den Typ, mit dem ich rational gesehen fertig bin, der mich aber auf emotionaler Ebene immer wieder aus dem Hinterhalt überrascht. Und das geht so.

Kaum gibt es in irgendeiner Diskussion mit Kollegen oder Bekannten eine Atempause, welche Gelegenheit für gemütliche Floskeln wie „Jänu“ bietet, blickt man einen Moment lang nachdenklich zur Seite, springt mir eine Erinnerung in die Gehirnwindung. Wie etwa das eine Mal, als wir grinsend unsere Teller mit Ramennudeln (Curry Flavor) leerten, oder die schlichte Tatsache, dass unsere Körper die Gegenwart des andern erkannten, sodass beide, trotz konkreten Wissens nur einer Person, wussten, wohin es ging, und man nie ineinander lief. Solche Erinnerungen lauern nur auf die ideale Gelegenheit, sich mir bemerkbar zu machen.

Die beste Strategie gegen den emotionalen Hinterhalt ist folglich Ablenkung, Ablenkung, Ablenkung. Daher ist mein Ohr offen, wenn sich der Engel freut, dass jetzt alle nackt sind, und mir auf einem Post-it das perfekte fluoreszierende Highball Glas zeichnet. Wenn ich meinem ersten selbsterworbenen Pflänzchen Wasser nachgiessen kann. Oder wenn mir der Belgier sein Herz bezüglich einer desorientierten, aber sehr hübschen und schlagfertigen Nomadin ausschüttet. „It’s all so ephémère, holy shit!- sagt er. Da stimme ich ihm zu. Würde Baudelaire heute leben, der hätte es auch nicht besser formuliert.