Gesellschaft | 23.03.2009

Man lügt, auch wenn man wahrheitet

Es ist Mitte März. Die Drei Könige sind längst abgewandert und haben die guten Vorsätze fürs neue Jahr gleich mitgenommen. Die alten Lebenslügen machen es sich wieder gemütlich in unserem Alltagsdasein. Aber sind Lügen denn so schlecht? Ist unsere Ehrlichkeit am Ende gar nicht so ehrlich gemeint?
"Auch kurzbeinige Lügner kommen ans Ziel", findet André Müller.
Bild: Viola Rudolf / youthmedia.eu

Jetzt mal ganz ehrlich, lügst du viel? Natürlich nicht. Du hast Prinzipien, bist
tugendhaft, treu, tabulos. Toll. Ich lüge wie gedruckt. Manchmal auch gedruckt, wenn jemand meine Texte zu Papier bringt. Und Lügner haben Erfolg. Durch dein Interesse erbringst du gerade den Beweis.

Was ist eigentlich schlimm daran, ein Lügner zu sein? Bill Clinton hat gelogen in der Lewinsky-Affäre. Vor seinem ganzen Land, vor seiner Frau. Trotzdem ist er heute gefragt wie kaum ein Zweiter. Kein Hahn kräht nach seinen vergangenen Verfehlungen, nicht einmal Henne Hillary. Petrus hat gelogen, dreimal sogar, und ja, es krähte ein Hahn danach. Trotzdem baute Jesus seine Kirche auf ihn. Anscheinend muss der Lügner nur genügend Durchhaltewillen aufbringen, dann kommt auch er mit seinen kurzen Beinchen ans Ziel.

Lüge – die Sprache der Gesellschaft

Auch die deutsche Sprache scheint grösseres Interesse an Unehrlichkeit zu haben:
Man wahrheitet nicht, man lügt. Man rechtredet nicht, man schwindelt.
Oder frau. Oder beide. Wobei bisweilen ein Unterschied zwischen Hänsel und Gretel festzustellen ist: Während Männer durch Antworten lügen, tun es Frauen durch Fragen. Ein Beispiel: Sie: „Findest du, ich sei dick?“. Er: „Nein.“
In Anbetracht der Tatsache, dass sie eine Badewanne ohne Beigabe von Wasser füllen kann, fällt es nicht schwer, den Mann als Lügner zu entlarven. Teer und Federn, Ächtung, Hölle! Nur wird ihm die wohlbeleibte Fragerin auch in der Unterwelt den Platz streitig machen, denn sie hat nicht die ehrliche Frage gestellt, auf welche sie eine Antwort bekommen wollte: „Liebst du mich, auch wenn ich dick bin?“ Der Mann kannte zu seinem Glück den Code und sagte übersetzt: „Ja, ich liebe dich auch so.“ Wer die Lügensprache nicht beherrscht, wird missverstanden und ins gesellschaftliche Abseits gedrängt. Dem gnadenlos Ehrlichen wird keine ehrliche Gnade zuteil.

Es geht mir nicht um Geschlechts- und Gewichtspolemik. Speck- und Sprechrollen liessen sich in diesem fiktiven Beispiel auch anders verteilen.
Vielmehr möchte ich zeigen, dass unser Ehrlichkeitswahn gar nicht so ehrlich gemeint ist, wie wir selbst oft meinen. Es gibt Lügenkonventionen, an die wir uns halten und vielleicht auch halten sollten. Warum?

Weil wir die Wahrheit nicht wahrhaben wollen. Du glaubst vermutlich an Wissenschaft, Kausalität und solche Dinge. Äpfel, die immer nach unten fallen.
Gleichzeitig gibst du dir aber das Gefühl, dass du Entscheidungen triffst und einen freien Willen hast. Das widerspricht aber der ersten Aussage, verbeisst sich in den Rattenschwanz deren Folgen. Wenn die ganze Welt nach festen Naturgesetzen abläuft, läuft auch der Mensch nur ab. Seine Gefühle. Liebe. Seele. Alles vorgegeben. Man denkt und entscheidet nicht selbst, weil man nur Teil eines Ablaufs ist. Ein Apfel, der unweigerlich nach unten fällt und nichts dagegen tun kann. Eine sehr unangenehme Vorstellung, der man gerne aus dem Weg geht.

Durch Verdrängung und Selbstverleugnung kriegt der Mensch sein Leben also in den Griff. Ist deswegen Lügen gut? Nein. Vielleicht manchmal ein bisschen? Ich leite die Frage gerne an arbeitslose Moralphilosophen weiter. Auf jeden Fall lügt man oft auch, wenn man wahrheitet.