Kultur | 16.03.2009

Kapitel sechs

«Ich rannte, das letzte Tor, das stand mir noch bevor". Die Flucht beginnt, jeder Meter gibt neuen Ansporn, die Schmerzen werden ignoriert. "Der Häftling" ist ausgebrochen.
Nils Pfändlers Novelle erscheint auf Tink.ch in neun Episoden. Illustration /
Bild: Melanie Pfändler Nils Pfändler ist 18 Jahre alt und wohnt in Grüningen. Er besucht die Kantonsschule in Wetzikon (ZH).

Der Instinkt hatte Besitz von mir ergriffen. Ich dachte nicht, fühlte nicht. Ich tat. Mein Kopf war keine Steuerung mehr, nur Zuschauer meines Körpers. Reaktionen, die wie Stromschläge meine Arme durchzuckten, in meinen Beinen flossen 1000 Volt Blut. Das Bett, die Matratze weg, Draht, alles was ich brauchte war Draht! Ich riss an den Federn, meine Hände bluteten, keine Zeit, keine Zeit, für einmal keine Zeit! Zittrig zur Tür, Draht rein, drehen, stechen, verformen, drehen. Und dann das Geräusch. Das eiserne Klicken, mit dem alles begonnen hatte. Raus auf den dunklen Flur, rennen, rennen, ein Fuss vor den anderen, die Arme unkontrolliert schwingend, rennen, rennen, ein überstürzter, blinder Lauf geradeaus, immer ein Fuss vor den anderen. Pudel jaulte, ich rannte, eine Tür, durch, durch. Der Hof, Staub wirbelte unter meinen Schritten, dann die Barriere mit einem Satz übersprungen und raus, frei, frei!

Ungläubig weiter, wie ein Fremder, ein Fuss vor den anderen und wieder einmal Luft schnappen. Erst jetzt bemerkte ich den Regen, doch auch die Sonne im Nacken. Getrieben von Naturgewalten, keine Zeit für Erschöpfung, eine Wiese, eine hohe Wiese, durch, durch, immer weiter. Kein Ziel, kein Ende in Sicht, aber der Wunsch erfüllt: Frei, frei, endlich frei! Ein Schrei, uralt und tierisch, der Urknall des Lebens, das erste Zeichen nach der Geburt. Ich lebe, ich lebe! Die Beine blutig gekratzt, Dornen in den Knöcheln, Schürfwunden an den Armen, im Gesicht. Gesteuert von Intuition, angetrieben von Lebenskraft. Ein Regenbogen. Die Sonne, der Regen, ich.

Ich rannte, das letzte Tor, das stand mir noch bevor. Die grellen Farben zogen mich an, wie das Licht die Motten, kein Halt, keine Ruhe, immerzu geradeaus. Fast blind vom lange verwehrten Licht, fast taub von der ewigen Stille, fast stumm vom jahrelangen Schweigen. Der Geruch, die Blumen, die Blüten, der Frühling, mein Frühling! Die letzten Meter zum Regenbogen, zur endgültigen Befreiung, der Ausbruch war geglückt! Alles hinter mir, nur eine Richtung, kein Umkehren, kein Zurück.

Gänsehaut, ein Prickeln, wie der Sprung eines Verdurstenden ins Wasser. Es war vollbracht, nach gewonnener Schlacht ein triumphales Wiedersehen mit der Welt. Der farbige Bogen über meinem Haupt, der Schritt nun langsam und überlegen. Nur der Puls, wie eine Trommel, eine Fanfare für einen Helden, eine Siegeshymne für mich selbst. Aber keine Müdigkeit, keine Schwäche, nur noch ein Phantom meines alten Ichs. Den eigenen Schatten in den Mauern der Anstalt liegen gelassen, sorglos, frei und ewig jung. Die Spuren des Lebens, wie Falten in der Haut, von Freiheit und Glück geglättet. Das Laufen längst ein Schweben, ein Treiben in der Leichtigkeit des neu gewonnenen Daseins.

Eine Bar, ich trat ein.