Kultur | 09.03.2009

Kapitel fünf

«Ich lebte, weil ich noch nicht gestorben war." Der Häftling erinnert sich an vergangene Zeiten und es wird ihm klar, dass das Leben zusehends an ihm vorbeizieht. Was nun?
Nils Pfändlers Novelle erscheint auf Tink.ch in neun Episoden. Illustration /
Bild: Melanie Pfändler Nils Pfändler ist 18 Jahre alt und wohnt in Grüningen. Er besucht die Kantonsschule in Wetzikon (ZH).

Es war schon lange her. Es müssen vielleicht 15, vielleicht 20 Jahre her sein. Meine Familie versammelte sich zum Fest. Vier Generationen trafen an einem Abend aufeinander. Schreiende Kleinkinder, überforderte Eltern, faltige Grosseltern und zahnlose Urgrosseltern. Ich kam wie immer allein.

Vitus war die Hauptattraktion, er war hundertundein Jahr alt. Er hockte wie ein alter Löwe im Zoo, vom langen Leben gezähmt, einsam auf einem Stuhl. Immer wieder überwanden sich seine Enkel und Urenkel mit übertriebenen Gesten ein Gespräch mit ihm anzufangen, das meist im Unverständnis endete, da der gute Mann kein Wort mehr sprach. So auch bei mir. Ich erzählte von einem Erlebnis aus meiner Jugend, doch irgendwann schien er sich ganz aufrichtig und ehrlich überhaupt nicht mehr für mich, sondern für ein Stück Schokoladenkuchen zu interessieren. Ich starrte ihn lange an, war keineswegs beleidigt. Aber ich musste mich immerzu fragen, wie ein solch zerbrechliches Wesen es zustandebringt, alle lebensnotwendigen Prozesse aufrecht zu erhalten. Seine Haut war nicht mehr weich, sie war zerknittertes Leder. Sein Mund war eine unkoordinierte Öffnung in einem eingefallenen Gesicht, bedeckt von einem Büschel weisser Borsten. Doch seine Augen funkelten immer noch, wie nur lebendige Augen funkeln können. Sie hatten einen Ausdruck, der eine jahrhundertalte Lebensgeschichte erzählte. Ein Blick in seine tiefen, braunen Augen genügte, um sich zu fühlen, als ob man sieben Jahre alt wäre und vor dem Lehrer Aufgaben lösen müsste. Ich traute mich nicht ihm auch nur die Hand zu reichen. Es war kein Ekel, es war Angst. Vor mir sass der älteste noch lebende Grund, weshalb ich existiere. Sein Blut floss in meinen Adern und ich schämte mich für mein Verhalten, schämte mich meiner unabwendbaren Zukunft nicht die Hand reichen zu können. Vitus kümmerte dies scheinbar nicht. Er ass Kuchen.

Als das Essen serviert wurde, sass ich ihm gegenüber. Er starrte mich an, ich schaute weg, wagte einen Blick, lächelte, flüchtete in den Teller. Er ass ebenfalls. Und wie. Mit einer Unbekümmertheit, die nur Kinder und alte Menschen kennen, fasste er Essen mit den Fingern, rülpste nach dem Trinken und verschmutzte das Tischset. Der zweite Gang waren Fleischplätzchen. Unweigerlich schweifte mein Blick wieder hoch, traf seinen Teller, traf sein Gesicht, das Messer, das zittrig ein Stück Fleisch schnitt, aufspiesste und in den alten, fleischigen Mund stopfte. Fleisch, alles war aus Fleisch. Ich kam mir plötzlich nackt und kannibalisch vor. Noch ein letzter Blick hoch- Fleisch- mir wurde übel. Ich entschuldigte mich beim Gastgeber und huschte unbemerkt zum Ausgang. Als ich den Türgriff erfasst hatte, wurde die Stille des Festmahls von einer unbekannten, rauchigen Stimme gebrochen. «Du gehörst eingesperrt!«, verkündete Vitus über den ganzen Saal. Einige lachten. Ich nicht.

Nach all den Jahren erinnerte ich mich an jenen Abend. An Vitus. Und ans Fleisch. Der zeitliche Abstand hatte keine Wunden geheilt, das Gefühl war das gleiche. Die Angst vor meiner eigenen Zukunft, die Angst alt zu werden und mit meinem Tod für immer in Vergessenheit zu verschwinden. Ich fühlte mich fleischig, fasste meine Schenkel und fühlte Fleisch, Fleisch, nichts als pures Fleisch. Ich war ein Tier, ein Säugetier wie so viele andere, das genau so gut auf einem Teller, als in einer Zelle landen könnte. Aber wo liegt da schon der Unterschied? Lebte ich denn noch? War ich nicht noch ein Vielfaches unlebendiger als der alte Vitus? Ich lebte, weil mein Herz schlug, mein Blut floss und mein Hirn arbeitete. Ich lebte, weil ich noch nicht gestorben war. Mir wurde schwindlig, ich legte mich aufs Federbett. Die Arme auf der Brust verschränkt, den Blick starr auf die Decke gerichtet. Wie in einem Sarg, nur mein Herz schlug. Ich hielt mir mit angepressten Zeigefingern die Ohren zu und mein Herz hörte auf zu schlagen.

Wenn Stille herrscht, hört man am meisten. Ich hörte eine Stimme in meinem Kopf. Sie sprach: „Flucht.“