Kultur | 29.03.2009

Kapitel acht

«Es gab kein Früher, es wird kein später geben. Jetzt. Ich bin". Der Häftling Begegnet nach seinem Ausbruch einer ihm sehr bekannten Person. Er begegnet sich selbst, seinem Ich.
Nils Pfändlers Novelle erscheint auf Tink.ch in neun Episoden. Illustration /
Bild: Melanie Pfändler Nils Pfändler ist 18 Jahre alt und wohnt in Grüningen. Er besucht die Kantonsschule in Wetzikon (ZH).

Mit einem Mal überkam mich eine absurde Müdigkeit, die mit ihrer langsamen schläfrigen Macht meine Glieder fesselte und die Gravitation um ein tausendfaches verstärkte, so dass ich hilflos und schlaff zu Boden sank. Ausgestreckt auf dem Rücken, flach und leer wie ein weisses Blatt Papier klebte ich auf den Steinplatten und sah über mir eine Lampe blitzen. An, aus, an, aus. Wie ein ungewolltes Blinzeln. Tag, Nacht, Tag, Nacht. Meine Pupillen, die Eingänge meines Hirns, rissen auf, verengten sich wieder und, vom Tempo überfordert, schloss ich nachgiebig meine Augen und sah die Lampe an der Decke nur noch so schwach wie ein weit entfernter Blitz, der in einer pechschwarzen Nacht das Land erblinden lässt. Grollend danach verschüchterte ein Donnerschlag meinen Körper, erschütternd wie ein Erdbeben, mit jeder einzelnen Schallwelle eine Faser mehr dem Erdboden gleich machend. Ich hielt mir die Ohren zu, stillschweigend kämpfend gegen diese ungeheure, unsichtbare Gewalt, die sich schleichend in einen kalten bitteren Schweif wie eine Kapelle über mir erbaute.

Doch ich schloss meinen Mund, ich atmete nicht, hüllte mich in meine eigene Haut ein und liess nichts mehr an mich heran. Wie eine Raupe, die sich im Kokon einhüllt, um weder gesehen noch gefressen zu werden, stumm und eisern auf dem kalten Boden, mit dem ich mehr und mehr verschmolz. Es gab kein Früher, es wird kein später geben. Jetzt. Ich bin.

Die Last wird plötzlich unerträglich, keine Schmerzen, kein Gefühl, nur die reine Vorstellung treibt mein Leben an. Wie eine Falltür falle ich, doch keine Sorge, eine weiche Landung ist gewiss. Und mit dem nächsten Blitz, im Moment des nächsten Donners, bin ich nicht mehr alleine. Da fällt noch jemand, direkt vor mir. Der Mund und die Augen geschlossen, die Glieder schlaff und leblos. Ein vertrautes Gesicht, doch unerkennbar real, plötzlich fremd in diesem unlebendigen Vakuum. Nichts verbindet mich mit ihm, einem unbekannten Zwilling, in allen Dimensionen von mir getrennt. Fallend. Allein. Leer. Ich.

Ich steht vor mir. Gezeichnet vom Leben, markiert vom Tod. Ich bewegt sich nur langsam, schwankend, ein Traum, ein wahrhaftiger Traum! Undurchbrechbar, unerweckt. Da steht ich, einsam und alleine. Erlebt, bewusst unbewusst, oder nicht. Ich treibt, ich schwebt. Ich weiss nicht mehr.

Schatten wie Seelen huschen, da und dort. Ein Zucken, ein Leben, ein Atmen. Eingeklemmt zwischen Sicht und Auge, zermürbt von Boden und Luft. Blind starrend, doch alles sieht grösser aus, wenn du kniest. Nichts ist fremd wenn man sich daran gewöhnt.

Von einer Strömung unsäglich heller Leichtigkeit erfasst, sanft und zart in Nebel gehüllt. Im Niemandsland erfroren, das Licht der Augen erlischt. Das Leben ist eine Gratwanderung am Tod. Immer, zu jeder Zeit.
Ein Traum. Nur ein Traum.