Kultur | 21.03.2009

Im Namen der Gerechtigkeit

Text von Philipp Ramer
Der Schweizer Regiealtmeister Werner Düggelin scheint den Literaturnobelpreisträger Albert Camus neu entdeckt zu haben: Nach seiner experimentellen Bühnenadaption des "Fremden" am Theater Basel im vergangenen Herbst, inszeniert er nun "Die Gerechten" am Zürcher Schauspielhaus.
Bringen für die Revolution Opfer: Boris, Stepan, Alexej und Iwan. Fotos: Schauspielhaus Zürich

1905, im ersten Jahr der Russischen Revolution, trifft sich eine terroristische Gruppe junger Sozialrevolutionäre, um ein Bombenattentat auf den Grossfürsten Sergej, den Onkel des Zaren, vorzubereiten. Nach und nach finden sich die Gefährten in einer spartanisch kühl eingerichteten Moskauer Wohnung ein (Bühnenbild: Raimund Bauer), wo der Anführer Boris Annenkow (Marcus Bluhm) und die Genossin Dora Dulebow (Cathérine Seifert) bereits warten. Als erster stösst Stepan Fjodorow (Jörg Pohl) hinzu, ein alter Freund, der aus seinem Schweizer Exil zurückberufen wurde und sichtlich darauf brennt, den Repräsentanten der tyrannischen Regierung zu töten. Kurz darauf meldet sich der Jüngling Alexej Woinow (Sandro Tajouri) an der Tür. Zuletzt folgt Iwan Kaljajew (Jan Bluthardt), genannt Janek.

Revolutionärer Poet

Janek, seines Zeichens Dichter und romantischer Freigeist, fällt die Ehre zu, die Bombe auf den Grossfürsten zu werfen. Doch das Attentat am nächsten Abend misslingt: Janek vermag die Bombe nicht zu zünden als er erkennt, dass in der Kutsche des Grossfürsten dessen junge Neffen mitfahren. Niedergeschlagen kehrt er in die Wohnung zurück. Während der Fanatiker Stepan schwere Vorwürfe gegen ihn erhebt, stellt sich der Rest der Gruppe hinter ihn. Zwei Tage später fährt der Fürst allein ins Theater – Janek nutzt die Gelegenheit für einen zweiten Versuch und hat Erfolg. Er tötet Sergej und wird festgenommen. Im Gefängnis schlägt ihm der Polizeivorsteher Skuratow ein Geschäft vor: Er soll seine Komplizen denunzieren und dafür begnadigt werden. Obwohl die Unterredung mit Skuratow in der Zürcher Aufführung fehlt, sorgen sich die Kameraden auch hier, ob Janek sie nicht verraten hat. Als sie erfahren, dass er standhaft geblieben und hingerichtet worden ist, erklärt sich Dora bereit, die nächste Bombe zu werfen – und ihrem Geliebten Janek in den Tod zu folgen.

Posen und Pausen

Durch die „Gegenüberstellung von Personen, die sich an Kraft und Intelligenz ebenbürtig sind“, schreibt Camus, habe er versucht, dem Stück „dramatische Spannung“ zu verleihen. In den ersten drei Aufzügen von Düggelins Inszenierung ist diese Spannung nur bedingt spürbar. Der Regisseur lässt seine Figuren Distanz wahren: Wie versteinert verharren sie in ihren Posen, immer ein paar Schritte von einander entfernt, führen Gespräche, doch bleiben isoliert, beziehungslos, kühl. Kein Knistern ist auf der Bühne zu spüren, während die Diskussionen um Gerechtigkeit, Ehre und Unschuld kreisen. Nur vereinzelt kommt es zu emotionalen Eruptionen – etwa wenn die Antipoden Stepan und Janek aneinander geraten, oder als Alexej Boris verzweifelt zu erklären versucht, dass er nicht zum Terroristen tauge. Die vielen Redepausen, welche die Gespräche durchziehen, sollen die innere Zerrissenheit der Protagonisten aufzeigen und dem Gesagten Gewicht verleihen, bewirken aber eher, dass die Worte ins Leere verpuffen.

Der Dichter und sein Henker

Merklich an Intensität gewinnt das Stück in der kahlen Gefängniszelle des vierten Aufzugs. Janek – auf einem Hocker kauernd, den Kopf an die kalte Steinwand gelehnt – spricht zunächst mit dem Häftling Foka (Siggi Schwientek), dann mit der Gattin des Grossfürsten (Imogen Kogge). Der ältliche Foka, Repräsentant des russischen Fussvolks, bringt wenig Verständnis für Janeks „hochwohlgeborene Ideen“ eines Kampfs für ein neues, gerechtes Russland auf. Überhaupt ist ihm nicht wohl bei der Unterredung mit dem Todeskandidaten, denn er amtet, so lässt er wissen, im Gefängnis nebenberuflich als Scharfrichter. „So bist du also ein Henker?“, fragt ihn Janek zum Schluss, woraufhin dieser zurückfragt: „Nun, Euer Gnaden, und du?“.

Die Frage nach der Berechtigung von Janeks Tat, im Grunde das zentrale Thema des Dramas, wird von der Grossfürstin aufgenommen. Im hochgeschlossenen schwarzen Kleid (Kostüme: Francesca Merz) betritt sie den Raum, vorgeblich um den Verbrecher zur Reue zu bewegen und mit ihm zu beten. Doch die bittere Anklage lässt nicht lange auf sich warten: „Mit wem soll man über den Mord reden, wenn nicht mit dem Mörder?“. Janek will nichts von Mord wissen, sondern versteht seine Aktion als eine „Tat der Gerechtigkeit“, für die er bereit, ja gar willig ist, in den Tod zu gehen. Denn: „Nur wenn ich nicht stürbe, wäre ich ein Mörder“. Der Zuschauer ist zwischen den Fronten hin und her gerissen, ergreift mal Partei für die Rebellen und gerät ab der Argumentation der Witwe wieder ins Zweifeln. Ein Gewinner will sich in diesem moralischen Hickhack nicht ermitteln lassen. Das Spannende, das Verrückte am Stück, meint Düggelin, sei letztlich, dass alle Figuren, dass beide Seiten, Recht hätten.

Info


"Die Gerechten" wird noch bis zum 19. April im Zürcher Schauspielhaus gezeigt.

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