Kultur | 08.03.2009

„Ich versuche, sie während der Show nicht anzuschreien“

Blood Red Shoes aus Brighton sind keine Emos oder Goths. Trotzdem scheinen keine anderen Wörter Laura-Mary Carter und Steven Anstell besser zu beschreiben. Ein Gespräch.
Steven Anstell und Mary-Kate Carter im Backstage-Bereich des Rohstofflagers Zürich. Fotos: Tatjana Rüegsegger Nicht so jung, wie sie aussehen: Blood Red Shoes

Nein, depressiv sind Steven Anstell und Laura- Mary Carter nicht. So sehen sie auch nicht aus. Der blonde Steven, der aussieht wie fünfzehn, lässt seine Mähne an der Afterparty richtig durchrütteln, und die wunderhübsche Laura-Mary strahlt nur so vor sich hin. Trotzdem sind ihre Texte auf deren  Erstling „Box of Secrets“ alles andere als fröhlich. Die zwei geben keine Interviews zu zweit. Sie haben Angst, zuviel zu sagen, wenn sie zu zweit ein Interview führen und dabei mehr miteinander als voneinander reden. Doch wer hilfsbereit ein China-Restaurant-Menü übersetzt und so hilft, die Mägen hungernder Künstler zu beruhigen, kommt manchmal zu unerwarteten Belohnungen.

Ihr habt ja momentan eine riesige Tour hinter euch. Und man munkelt, dass ihr sehr jung seid. Das heisst, man weiss nicht wie alt ihr seid, weil ihr es einerseits nie sagt und andererseits nicht in eurer Biografie erwähnt.
Sie: Wie alt sollten wir den anscheinend sein?

Öhm… 19?
Beide brechen in Gelächter aus, dann ganz ernst: Nein.
Sie: Das waren wir nie. Also ich meine, ja einmal. Aber nie zu zweit.

Wie alt seid ihr dann?
Sie: Ich bin 24.

Also sind die Erwartungen total falsch. Und du?
Er: Du darfst raten.

Du könntest eigentlich älter sein als sie. Ich glaube du bist 27!

Er: Wow, das ist echt krass. Auf dem ersten Schlag richtig. (Skeptisch) Du hast mit Duncan (Roadie der Band, Anm. d. Red.) gesprochen?
Sie: Bis jetzt hat es niemand herausgefunden.
Er: Aber eben, eigentlich sagen wir unser Alter absichtlich nicht. Wir finden einfach, es gehört nicht dazu. Wir machen doch Musik. Und du hattest Recht, es gibt viele Leute die meinen wir seien 19.

Ihr wart ja vorher in zwei verschiedenen Bands. Habt ihr diese verlassen um ein Duo zu formen?
Sie: Naja wir haben uns einfach durch diese Bands kennen gelernt. Meine Band wurde ein wenig langweilig und Steves Band hatte gerade eine kleine US-Tour hinter sich und dann, als er wieder zurück war, habe ich ihm eine Mail geschrieben.
Er: Drei Wochen nachdem ich das letzte Konzert mit meiner Band hatte, haben wir uns zusammengetan um Musik zu machen.
Sie: Es passierte eigentlich einfach so. Wir haben nie gesagt: „So wir sind jetzt eine Band.“ Das ist auch der Grund, wieso wir nur zu zweit sind, wir haben einfach die ganze Zeit zusammen gejammt und uns nicht viele Gedanken darüber gemacht, was werden könnte.

Ist es in eurem Fall denn auch so, dass es einfacher ist nur zu zweit zu sein?

Er: Es kommt halt auf die Situation drauf an, manchmal ist es einfacher aber es kann auch viel komplizierter sein.
Sie: Ich denke es ist schwieriger. Vor allem wenn wir streiten, da gibt’s keinen Ausweg. Wir sind nur zu zweit. Wir können nicht zum nächsten gehen und dann einfach mit dem Anderen abhängen. 
Er: Du bist halt einfach so konzentriert auf die andere Person. Was eigentlich sehr gut ist für die Musik… meistens.
Sie: Wenn du in einer Band bist und da mehr als zwei dabei sind, dann kannst du dich mit einem streiten und meistens kommt ein Dritter dazwischen und beruhigt beide. Es ist ausgeglichener.
Er: Genau.

Wie sieht das Ende eines Streits denn bei euch aus? Steigt ihr einfach auf die Bühne und nach dem Konzert ist dann wieder alles beim Alten?
Sie: Nein. Es kommt drauf an…
Er unterbricht Sie: Wenn wir streiten brauchen wir beide ein wenig Abstand. Wir verbringen den Tag oder einige Stunden getrennt voneinander, beruhigen uns, kommen dann wieder zusammen und sprechen dann drüber. Danach versuche ich sie während der Show nicht anzuschreien (beide lachen).
Sie: Wir sagen uns halt auch immer alles und darum ist es sehr schwierig überhaupt einen Streit anzufangen.
Er: Ich glaube unsere Freundschaft ist schon lange über Ehrlichkeit hinaus. Jetzt tyrannisieren wir uns nur noch. (lacht) Es geht soweit, dass wir die kleinsten Details ansprechen, wo doch die meisten es einfach fallen lassen würden. Nein, also eben wenn wir streiten, dann reden wir einfach drüber und danach machen wir Musik.

Ruhe nach dem Sturm. Aus meiner Sicht sind eure Texte ziemlich dunkel. Gibt es da einen speziellen Grund dafür. Oder seit ihr einfach melancholisch?
Er denkt ein wenig nach: Wir sind schon ziemlich dramatische Persönlichkeiten.
Sie zu ihm: Ich glaube, ich könnte gar keine fröhlichen Texte schreiben. Habe es auch noch nie gemacht. Es geht doch auch darum, dass Musik eine Art Therapie ist und wenn der Text fröhlich ist, dann bist du’s und dann brauchst du eigentlich keine Therapie.
Er: Persönlich habe ich einfach keine Beziehung zu solchen „Happy-clappy“-Songs.
Sie, lachend: Öhm da gibt’s aber einzelne Songs…
Er streitet ab: Ja, aber das sind Songs zu denen man tanzt. Sobald so Gitarren-sound zu heiter klingt, macht mich das einfach krank. Das hörst du eben auch bei unseren Songs, unsere Texte und Melodien sind ziemlich dark, das Einzige was es ein wenig optimistischer macht sind die Momente, wo es fast wieder zu einem Tanzlied wird.
Sie: Unsere Texte machen halt das Meiste aus. Das stimmt schon.
Er: Als Personen sind wir einfach mehr daran interessiert, was in einem Leben falsch laufen kann Sachen, die nicht funktionieren. Ich meine, wenn etwas klappt. Toll, Glückwunsch, aber es ist einfach immer dasselbe. Wir sind einfach irgendwie… nicht so. Man entscheidet ja eh nicht worüber man jetzt schreiben wird. Man sagt nicht: « Ich schreibe jetzt nur noch glückliche Lieder«. Am Schluss kommt raus was raus kommen muss.
Sie: Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendwer sich so gut fühlt, in allen Bereichen, und dann ein hyperfröhliches Lied entstehen kann.

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