Kultur | 16.03.2009

„Farbiges Licht auf einer weissen Wand“

Seit "Die Herbstzeitlosen" ist Bettina Oberli eine der wichtigsten Regisseurinnen der Schweiz. Gerade schneidet sie ihren nächsten Film "Tannöd", der im Herbst in die Schweizer Kinos kommt. Ein Gespräch über die Freude am Filmemachen.
Ursprünglich stammt sie aus Meiringen: Bettina Oberli. Fotos: Stefanie Pfändler Die 36-Jährige über Kritik an ihren Filmen: "Das Einzige was mich ärgert, ist, wenn mir etwas unterstellt wird, das ich nicht gemeint habe. Alles andere ist total egal. " "Ich gehe jeden Tag gerne zur Arbeit." "Ich habe kein Bedürfnis mich selber darzustellen. Sonst wäre ich Schauspielerin geworden."

Eine alte Dame mit einem Flair für Reizwäsche machte Bettina Oberli zu einer der erfolgreichsten Regisseurinnen der Schweizer Filmgeschichte. Die rüstigen „Herbstzeitlosen“ lockten mehr Zuschauer in die Schweizer Kinos als der „Kung Fu Panda“ oder der oskargekrönte Joker Heath Ledger. Zur Zeit schneidet Oberli das Material zu ihrem neuen Film „Tannöd“, in dem Schauspielgrössen wie Julia Jentsch und Monica Bleibtreu mitwirken. Die sympathische Bernerin erzählte Tink.ch warum sie sich mehr wünscht als Popcorn, wie ein Zahnarztbesuch ihr Leben veränderte und wie man lernen kann, grandios zu scheitern.

Wieso bist du Regisseurin?
Irgendwie ist es logisch. Es gibt für mich nur diese Möglichkeit. Es ist nicht so, dass ich immer wusste, dass ich Regisseurin werden wollte. Doch all die Interessen, die ich hatte, Literatur, Kino, Theater, Musik und Fotografie vereinen sich in diesem Beruf. Ich habe nicht das Bedürfnis, eine Dienstleistung zu erbringen. Ich möchte selbst etwas kreieren.

Kannst du dich an den Moment erinnern, als du diese Entscheidung gefällt hast?
Das war im Wartezimmer einer Zahnarztpraxis. Auf der letzten Seite einer Fernsehzeitschrift entdeckte ich ein Porträt über die Filmklasse an der Kunsthochschule in Zürich. Ich konnte gar nicht glauben, dass es das wirklich gibt. Ich dachte immer, das gäbe es nur in Deutschland, Amerika oder Frankreich. Ich meldete mich sofort an und ein paar Monate später war ich dabei.

In dieser Zeit kamst du auch mit den Jugendfilmtagen in Kontakt, nicht wahr?
Ja, wir haben jeweils im Rahmen der Ausbildung unsere Filme eingereicht. Einmal habe ich zwei Preise gewonnen. Einer davon war für den schönsten Liebesfilm, da hatte ich eine Dokumentation über meine Grosseltern gedreht („Klara & Alfred“). Dabei ging es gar nicht um die Liebe, im Gegenteil.

Was muss man als junger Schweizer tun, wenn man Filme drehen möchte?
Filme drehen. Nicht viel darüber reden, sondern die Kamera in die Hand nehmen und einfach machen. So lernt man am meisten. Das kostet heute ja nicht mehr viel. Ich habe noch mit Super-8 angefangen. Und das Zweite ist, dass man sich während seiner Entwicklung wirklich bewusst werden muss, worüber man Filme macht. Man sollte versuchen, Filme zu machen, die von etwas bestimmten handeln.

Was ist deine persönliche Antwort?
Ich mache sehr verschiedene Filme. Meine Kurzfilme lagen irgendwo zwischen lustig und trocken. Ich habe auch mal einen Animationsfilm gemacht. „Im Nordwind“ war ein sehr trauriges Familiendrama, „Die Herbstzeitlosen“ waren wieder etwas völlig anderes. Und jetzt mache ich einen psychologischen, sehr brutalen Thriller. Es gibt soviel zu entdecken und ich möchte zur Zeit noch möglichst viel ausprobieren. Bei mir steht am Anfang immer der Inhalt und daraus ergibt sich die Form, in der man ihn erzählen muss. Aber ich glaube, dass durch alle meine Filme ein roter Faden verläuft: Jemand erzählt nicht die Wahrheit, versteckt sich. Meine Figuren haben Geheimnisse und die Möglichkeit, einen Moment lang ein anderes Leben zu leben.

Was fasziniert dich an diesem Thema?
Es erzählt schon in sich sehr viele Geschichten. Die Identität ist ein Grundkonflikt. Was ist man? Was möchte man sein? Was möchte man darstellen?

Die Kamera in die Hand nehmen und drehen – ist die Essenz des Filmemachens dieselbe, wenn du mit einem grossen Team arbeitest und ich mit meiner Handkamera durch Zürich spaziere?
Ja, das ist dasselbe. Natürlich gibt es Unterschiede beim Budget, dem Aufwand, den Schauspielern. Doch gleichzeitig wird die ganze Maschinerie immer schwerfälliger. Das habe ich jetzt bei meiner Arbeit in Deutschland gesehen. In einer grossen Produktion muss man vieles mitschleppen, das nichts mit dem Inhalt des Filmes zu tun hat. Alles hat mehr Konsequenzen. Zur Zeit sehne ich mich sehr nach etwas Kleinerem, Kompakterem.

Dann ist es nicht dein Traum, den nächsten James Bond zu inszenieren?
Nein. Ich fürchte, ich wäre wahnsinnig erschlagen. Mein Traum ist es, mit guten Schauspielern zu arbeiten. Darin liegt für mich der Reiz an grösseren Produktionen. Schlussendlich hat man aber doch die besten Chancen, an gute Leute zu kommen, wenn sie finden, dass man gute Filme dreht. Egal, wie professionell sie gemacht sind.

Was war der letzte richtig tolle Film, den du im Kino gesehen hast?
„Le silence de Lorna“ fand ich wahnsinnig gut. Und „Revolutionary Road“, einfach von den Schauspielern her. Da stimmt einfach alles. Schade, hat Kate Winslet nicht dafür den Oscar gekriegt. Das hätte ich so schön gefunden, weil sie ja mit dem Regisseur verheiratet ist. Das wäre doch toll gewesen, wenn er sie zum Oscar geführt hätte.

Wirst du bei einem so tollen Film auch ein klein wenig eifersüchtig?
Gar nicht. Es ist hoch motivierend! Ich war vor ein paar Wochen an der Berlinale und habe ein paar tolle Filme gesehen. Auf dem Rückflug kamen mir plötzlich ganz viele Ideen, es hat mich sehr inspiriert. Gute Filme stressen mich nicht, schlechte allerdings schon.

Hat sich die Freude am Kino durch deine Arbeit gesteigert?
Ja, total, es ist mir ein immer grösseres Vergnügen. Wahrscheinlich ist das wie bei jemandem, der klassische Musik spielt. Umso mehr er weiss, desto mehr weiss er ein gutes Konzert zu schätzen.

Wieviel übernimmst du aus anderen Filmen?
Einzelne Szenen kann man nicht herausnehmen, die werden ja erst durch ihren Kontext so gut. Inspiration ist ein unbewusster Prozess, den man nicht genau definieren kann. Auf einmal ist etwas da und es kann schon sein, dass es aus einem anderen Film stammt. Aber vielleicht war es nur ein Gefühl, eine Farbe oder ein Kleid, das einen berührt hat. Technische Einstellungen übernehme ich nicht, das interessiert mich auch nicht so.

Was interessiert dich denn?
Ich finde es total faszinierend, dass wir eigentlich nichts anderes tun, als farbiges Licht auf eine weisse Wand zu projizieren. Die grösste Angst jedes Filmemachers ist wohl, dass es eben nicht mehr ist als das. Dass das so viele Emotionen, Stimmungen und Abgründe in einem Menschen auslösen kann, finde ich unglaublich spannend. Dieses Eintauchen in eine Welt, dieses Vergessen, dass das nicht die Wahrheit ist.

Der Kult-Regisseur Stanley Kubrick war ursprünglich Fotograf. Ist eine Regieausbildung unabdingbar oder kann man auch als Quereinsteiger Erfolg haben?
Es gibt alles mögliche. „Regisseur“ ist kein geschützter Beruf, jeder kann sich so nennen. Ich glaube, das ist eine Frage der Persönlichkeit. Für mich war diese Schule super, weil ich sonst gar keine Gelegenheit gehabt hätte, einzusteigen. Ich komme ja wirklich aus den Bergen und meine Eltern und mein Bruder arbeiten in einem völlig anderen Bereich. Aber das Wichtigste ist, dass man sich selber motivieren kann. Die Schule gibt dir die Werkzeuge und einen geschützten Rahmen, in dem du vor allem lernen kannst, grandios zu scheitern. Nachher hat das viele finanzielle Konsequenzen, der Druck ist viel grösser.

Macht dir das Filmemachen seit dem Erfolg der „Herbstzeitlosen“ noch genauso viel Spass, oder spürst du einen starken Druck?
Es macht mir noch genauso viel Spass und ist noch genauso anstrengend. Nein, ein Druck ist klar da, aber ich verdränge ihn. Der Erfolg der Herbstzeitlosen lässt sich nicht wiederholen. Daher kam wohl auch die Entscheidung, etwas völlig anderes zu machen. „Tannöd“ und „Die Herbstzeitlosen“ sind so unterschiedlich, dass man gar nicht in Versuchung kommt, sie einander gegenüberzustellen. Ich versuche einfach, den besten Film zu drehen, zu dem ich fähig bin. Mehr kann ich nicht tun.

Reichen Talent und Engagement für eine Filmkarriere? Sind jene Leute, die auf der Strecke bleiben, selber schuld?
Nein. Es hat viel mit Glück zu tun. Ich finde, niemand sollte stolz sein. Man kann auf seine Filme stolz sein, denn die hat man von A bis Z zustande gebracht. Aber es ist extrem hart, man braucht gutes Sitzleder. Bei einem Chirurg ist das vielleicht etwas anders. Wenn der in seinem Leben nie eine gute Stelle hat, hat das wohl schon mit seinen Fähigkeiten zu tun. Aber vielleicht kann ich mir dieses Urteil nicht anmassen, ich weiss es nicht genau.

Wie oft gehst du gerne zur Arbeit?
Immer. Das ist sehr schön.

Wie gehst du mit Kritik an deinen Filmen um?
Das Einzige was mich ärgert, ist, wenn mir etwas unterstellt wird, das ich nicht gemeint habe. Alles andere ist total egal. Ich finde, es gibt wenig gute Filmkritiker. Ihre Aufgabe sollte ein Dialog sein, eine interessante Auseinandersetzung mit der Arbeit, die ich während der letzten zwei, drei Jahre geleistet habe. Fünfzeilige Kritiken kann ich nicht ernst nehmen. Das ist ein Stempel, der nichts mit meiner Arbeit zu tun hat. Gute Filmkritiken lese ich sehr gerne, weil sie mir Gedankenanstösse und Inputs für meine Arbeit liefern. In der Schweiz fehlt diese Kultur der Auseinandersetzung. Als Schweizer Filmemacher wird man auch oft nicht ganz ernst genommen. Keine Ahnung, woran das liegt.

Darf ein Film nur unterhalten, reines Popcorn-Kino sein?
Ja.

Deine Filme auch?
Nein. (lacht) Ich investiere soviel Lebensenergie und Zeit, die ich mit meinen Kindern oder Freunden verbringen könnte. Die Dreharbeiten zu „Tannöd“ waren zum Beispiel wahnsinnig strapaziös. Wir hatten grosses Pech, schlechtes Wetter, Schauspielerausfälle – alles hat viel länger gedauert, als geplant. Wenn ich das schon auf mich nehme, will ich mehr davon haben als Popcorn.

Wie gehst du beim Schreiben vor?
Ich gehe von den Figuren aus. Ich bin aber auch sehr visuell und möchte wissen, wie der Film stilistisch gemacht ist. Zuerst schreibe ich den Plot, auf etwa 20 Seiten. Dann entwickle ich die Szenen und die Dialoge. Von der Grundidee bis zur endgültigen Fassung kann das bei einem Kinofilm gut zwei, drei Jahre dauern.

Könntest du dir vorstellen, Filme in einer anderen Sprache zu drehen?
Ja, klar. In Japan haben die „Herbstzeitlosen“ einen unglaublichen Erfolg. Die japanische Kultur kennt eine starke Ahnenverehrung, vielleicht ist das der Grund. Letzthin waren zwei japanische Produzenten hier, die unbedingt wollen, dass ich einen japanischen Film drehe. Das könnte ich mir unter Umständen gut vorstellen.

Kannst du schon etwas über deine nächsten Projekte sagen?
Es ist alles noch sehr unklar. Es sind wieder drei ganz verschiedene Sachen. Ich will aber sicher mal einen Liebesfilm machen.

Über deine Grosseltern?
(lacht) Nein, das nicht. Aber so ein richtig grosses Liebesdrama.

Letzte Frage: Gibt es etwas, das du in einem Interview noch nie gefragt wurdest, und das du gerne beantworten möchtest?
Ich gab kürzlich ein Radio-Interview und da fragte mich der Journalist, worüber ich sprechen wolle. Das muss doch er wissen! Wir hatten einen Riesenstreit deswegen. Während der Sendung verhielten wir uns total professionell, aber sobald das Mikrofon ausgeschaltet war, ging es wieder los. Ich habe kein Bedürfnis, mich selber darzustellen. Sonst wäre ich Schauspielerin geworden.

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