Kultur | 31.03.2009

Ehrlich und einfach

Mit seinem Album "I Started Out with Nothin' and I Still Got Most of It Left" feiert der fast 70-jährige Amerikaner Steve Wold alias Seasick Steve in Europa einen späten aber grossen Erfolg. Wer seine Musik hört, weiss wieso.
Auf der Bühne nennt er sich Seasick Steve: Der Bluesmusiker Steve Wold.
Bild: jometsonscott.co.uk Er kann auch auf kaputten Gitarren wunderbar spielen. bestival.net

Er war lange ein Geheimtipp, nun kann er sich langsam aber sicher nicht mehr verstecken: Seasick Steve, der Bluesmusiker, der aussieht wie ein Obdachloser, feiert in England mit seinem aktuellen Album „I Started Out With Nothin‘ And I Still Got Most Of It Left“ Erfolge. Bestimmt hat der fast 70-Jährige nicht mehr damit gerechnet, auf sein Hohes Alter, nochmals die Charts zu stürmen, schliesslich ist Seastick Steve, der mit bürgerlichem Namen Steve Wold heisst, bereits seit 40 Jahren im Business. Unter anderem produzierte er Alben für Modest Mouse und gab Blueskonzerte auf der ganzen Welt, mal vor grösserem, mal vor kleinerem Publikum. Warum also der späte Ruhm?

Vielleicht ist es die Einfachheit und Ehrlichkeit, die „I Started Out With Nothin‘ And I Still Got Most Of It Left“ ausstrahlt. Obwohl das Album bei Warner Music, einem grossen Label, veröffentlicht wurde, spürt man Steves Wurzeln deutlich. Der Sound ist rau und direkt. Was könnte man sonst von jemandem wie Seasick Steve erwarten? Seine Biographie erinnert an jene des ur-amerikansichen Singer/Songwriters Woody Guthrie: Als Junge hatte er keinen festen Wohnsitz, zog auch später immer wieder um und war ein guter Freund von Janis Joplin. Seasick Steve hat seine bewegte Biographie zu Musik gemacht.

Musiker oder Komiker?
Ihn live zu erleben, ist ziemlich ungewöhnlich. Wer einen typischen Bluesman erwartet, könnte überrascht sein, denn obwohl Steve schon seit Jahren nicht mehr obdachlos ist, erweckt sein Äusseres noch immer diesen Anschein. Bei Konzerten trägt er gern einen Overall mit einem ärmellosen Shirt darunter. Seinen Bart lässt er wachsen, bis dieser fast sein ganzes Gesicht verdeckt und die Gitarren, auf denen er spielt, sehen aus, als ob er sie auf der Strasse aufgelesen hätte. Oft fehlen mehrere Seiten, und als ob das nicht schon genug wäre, macht Steve darüber oft auch noch Witze. Als ihn die Reporterin zum ersten Mal live sah, fragte sie sich, ob sie einen Musiker oder einen Komiker vor sich hatte. Kaum hatte Seasick Steve jedoch zu Spielen angefangen, verflogen die Bedenken. Denn welche Töne der Künstler seinen leicht kaputten Instrumenten entlockt, stellt vieles in den Schatten, was Andere mit einwandfreiem Equipment spielen. Der Schein trügt also nicht nur bei Steves Äusserem, sondern auch bei seinem Sound. Obwohl er meistens klassischen Blues spielt, klingt seine Musik auch für ein junges Publikum nie langweilig oder monoton.

„I Started Out With Nothin’…“ beweist, dass man Blues erfolgreich mit modernerem Rock verbinden kann. Man findet auf diesem Album langsame und nachdenkliche Lieder wie „Walkin Man“ und „Fly By Night“ aber auch schwungvolle Songs wie zum Beispiel  „I Started Out With Nothin'“.  Der stärkste Teil des Albums besteht allerdings aus den Liedern, in denen Seasick Steve neue Rockelemente einbringt. „Thunderbird“ ist eine Demonstration davon, in diesem Song treffen Elektrogitarren auf Trommeln. Das alles, dem Titel entsprechend, in einem rasenden Tempo. Für das Live-Erlebnis ist diese CD natürlich nur ein geringer Ersatz, wer also die Möglichkeit bekommt, Seasick Steve auf der Bühne zu sehen, sollte die Chance packen.  Nichtsdestotroz ist „I Started Out With Nothing And I Still Got Most Of It Left“ ein Album mit Charisma, das viel über Steves Jugendzeit und seine Lebensphilosophie verrät. In einem Song erzählt der Blues-Altmeister sogar von seinen Schwierigkeiten, sich von Flöhen zu befreien. Ich kann nicht empfehlen, Seasick Steves Heilmittel dagegen zu probieren, aber ich empfehle, seinem neuen Album eine Chance zu geben.

Links