Kultur | 09.03.2009

Die däumchendrehende Kamera

Text von Samy Ebneter
...der kann auch mächtig schnell wieder auf Grund und Boden knallen. Diese Erfahrung durften beziehungsweise mussten wir fast machen. In diesen Artikeln, exklusiv aus der Küche von SAMovie, berichten wir vom Alltag oder eben Nichtalltag der Crew.
Nichts für schwache Nerven: Dreharbeiten im Spital Rorschach. Fotos: Samy Ebneter. Nach einem erfolgreichen Dreh folgte der Schock. Dieser kleine Übeltäter brachte die Filmemacher aus der Fassung.

Von Arbeiten, die gelingen und Arbeiten, die in die Hosen gehen. Von Tränen bis hin zu Freudensprüngen. Von Schicksalsschlägen, Glück im Unglück und Erleichterungen. Wir freuen uns, die Leser von Tink.ch mit diesem und den vielen folgenden Berichten ein wenig hinter die Kamera zu führen.

Meine Güte, war das ein Erlebnis. Der Dreh im Spital Rorschach übertraf alles, was wir bisher in unserem Projekt erleben durften. Der Dreh selber verlief routiniert und organisiert, nicht zuletzt auch dank dem hervorragenden Spitalteam, welches immer mit Rat und Tat zur Seite stand. Auch war es immer wieder interessant, die Reaktionen der Besucher und Patienten zu beobachten. Zum Beispiel, wenn ein Patient, unser Patient, mit einer Schusswunde von Sanitätern und Ärzten eingeliefert wird und kurz vor dem Lift die Szene einfach gestoppt wird. Ja, nicht jedermanns Sache, zumindest für eine reizende Besucherin nicht, die sich dann von diesem Schock erst einmal im Warteraum, ganz bleich im Gesicht, erholen musste. Auch unserem Schauspieler, der auf dem Seziertisch in der Pathologie in einen Leichensack steigen musste, merkte man sein Unbehangen an seinem Zittern an. Die Frage von der Pflegeleiterin, ob er den Leichensack mit nach Hause (als Andenken?) nehmen möchte, lehnte er dankend ab. Der Leichensack landete dennoch in unseren Requisiten.

Überwältigendes Echo

Auch die Tage nach dem Dreh waren für uns bisher einzigartig. Zuerst der super Bericht auf Tink.ch, tags darauf ein Artikel im „20minuten“ und nochmals zwei Tage später ein riesiger Artikel in den „Bodensee Nachrichten“. Das Echo war gewaltig, wir erhielten Schauspielerbewerbungen, viele Komplimente, nette Worte und eine grosse Portion Beachtung für unser Schaffen. Es war das erste Mal, dass soviel Aufsehen auf einen Schlag erregt wurde, natürlich zu unseren Gunsten! Wir waren in einem Hoch! Und waren motiviert wie noch nie! Die nächsten Drehdaten stehen bereits fest und weitere Drehlocations konnten gewonnen werden.

Nicht in allen Bereichen sieht es so rosig aus. Gerade der finanzielle Bereich ist ein stetiger Kampf. Wir müssen immer am Ball bleiben, um Sponsoren und Gönner zu gewinnen, damit dieses Projekt überhaupt realisierbar ist. Auch wenn wir mit einem „Low-Budget“ arbeiten, muss doch irgendwoher ein wenig Stutz kommen. Und genau dies hätte uns fast das Genick gebrochen. Eigentlich hätte eine gemietete Kamera (eine von uns war in der Reparatur) am Freitag nach dem Dreh beim Vermieter sein müssen. Dies hatten wir erst zwei Tage zuvor erfahren. Eigentlich kein Problem, wenn wir das Ganze einen Tag vor dem besagten Freitag in einem gut verschnürten Paket per A-Post versendet hätten.

Nerven aus Stahl
Ja. Wenn das Wort wenn nicht wär. Dummerweise gab es zwischen mir und dem „Päckchen-auf-der-Post-Aufgeber“ ein kleines Missverständnis und es wurde, dreimal dürft ihr raten, per B-Post verschickt. Das ganze Schlamassel war somit vorprogrammiert. Gemerkt hatten wir es erst nach einem Anruf von der Vermieterfirma, am Freitag um 11.30 Uhr. Um diese Zeit weilte das Päckchen, wohl däumchendrehend, bereits in Frauenfeld in einem Zwischenlager. Das Blöde an der ganzen Sache war, dass der nächste Mieter die Kamera bereits am Sonntag darauf brauchte und die Kamera aber erst am Montag ankommen würde. Ein Telefonanruf bei der Post half nichts, zu meinem Ärger war ich gerade mal eine Viertelstunde zu spät, um das Päckchen noch abzufangen und per Eilsendung auszuliefern. Es war weg. Irgendwo in einem Container, ganz alleine. Wir selber kamen ein wenig in eine Stresssituation: Was würde es heissen, wenn keine weitere Kamera vom Vermieter zur Verfügung stand? (Was auch so war.) Der Mieter würde die anfallenden Kosten, wie zum Beispiel für eine Drehverschiebung, wohl dem Vermieter in Rechnung stellen, der wiederum hätte das gute Recht, das ganze auf uns zu regressieren. Dass das nicht billig werden würde, war uns klar. Uns war auch klar, dass in diesem Fall wohl sämtliche finanziellen Mittel ausgehen würden. Versichert sind wir zwar, allerdings würde da keine Versicherung zahlen. Das ganze Projekt würde auf Eis gelegt werden, bis alles an finanziellen Mitteln wieder vorhanden sein würde und das wiederum würde bedeuten: „Verzögerung um einige Wochen und Monate“. Das wäre das Letzte, was wir gebrauchen könnten.

Glücklicherweise gehört Frau Meier von der Vermieterfirma zu einer angenehmen Sorte Mensch und bewies Nerven aus Stahl. Über zehnmal (ich habe es nachgezählt!) telefonierten wir miteinander, bis eine Lösung gefunden werden konnte: Wir stellten unsere eigene Kamera zur Verfügung, welche dann im Raum St.Gallen von einem Kurier abgeholt wurde.

Die Nervosität und der Stress nahmen manchmal schon fast überhand. Ich frage mich jetzt noch, wie Frau Meier so ruhig bleiben konnte! (An Frau Meier: Diese Frage müssen Sie mir einmal bei Gelegenheit beantworten!). Doch dank Improvisation, Nerven aus Stahl (zumindest von allen andern) und dank dem Kurier, dem nachsichtigen Neumieter, der Frau Meier, meinem Chef (der mich noch eine Stunde von der Arbeit befreite, so dass ich die Kamera bereitstellen konnte) und nicht zuletzt dank einer grossen und kalten Dose „RedBull“ im Nachhinein, ging dieser Tag für alle glücklich zu Ende!

 

Links