Gesellschaft | 16.03.2009

Der letzte Brief

Text von Baba | Bilder von Michael Baumann
Mitzu fühlt sich in den Rängen der gehobenen Gesellschaft lesbar wohl. Ganz anders geht es Baba, der weit entfernt von Verwandte und Freunden trauert.
Der eine in London, der andere in Solothurn: Baba und Mitzu.
Bild: Michael Baumann

London, 15. März 2009

Lieber Mister M.

Da fällt mir ja prompt mein behaartes Kinn zwischen meinen Beinen durch, direkt auf die Strasse. Fühlst dich, wie’s scheint, wohl in der Welt der Aristokraten und «von oben herabschauenden Herren«. In den Sphären grosser Töne! Die glorreichen Zeiten, in denen Musik, im speziellen das Theater, denke dabei an Shakespeare oder Mozart, ein Anziehungspunkt für das Proletariat war, sind leider im Schlund der Globalisierung und Unpolitisierung unserer Zeit verloren gegangen. Die Elite!! Trifft sich da! Ich denke abgesehen von verirrten Köpfen, wie dem deinen, und wirklichen Klassikjunkies ist es eine rein farcenhaftes Publikum, wie Fussball Hooligans, treffen sich Gleichgesinnte in ihrer kleinen abgesteckten Welt.

Leicht abgeschlagen gehe ich diese Tage durch meinen Alltag. Denn der Körper meines Grossvaters hatte genug. Er verabschiedete sich mit einem aufmüpfigen Lächeln gegenüber dem Geist und ging in die Brüche.  RIP! Vermisse ihn! Auch mit ihm habe ich seit längerer Zeit einen Brief-Generationen Austausch geführt.

Sein letzter Brief:

«Lieber Michael,
wie gewohnt liege ich auf dem Bett. Ich blicke rückwärts, bin an einer Wand. Vorwärts? unbekannt, nach dem Tod?  und doch hat man Ängste vor diesem Weggehen ins Unbekannte – an ein göttliches Wesen glauben? Hilft wenig – Ängste sind einfach da.


Die Vergangenheit hat sich in Fetzen aufgelöst, die herumwirbeln und nicht mehr klar zu ordnen sind. Natürlich erinnere ich mich an unsere gemeinsame Arbeit für die Matur. Mit einem Michael, der immer alles aufschob bis zum letzten Moment. Für mich war die Arbeit interessant, ich musste an Math und Physik dazulernen. Abgemacht war, sofort Telefon falls durchgekommen – und dann kam kein Telefon. Ich raffte mich auf und frag nach: ‚durchgekommen!‘, aber man hatte mich vergessen.


Dass du die Zulassung zur Medizin knapp verfehlt hast, ist vermutlich kein Nachteil. Ich zweifle sehr an der Wirksamkeit der heutigen Medizin, hänge selbst an einem Schlauch, der mich mit Sauerstoff versorgt – einfach abhängen bringt nichts, setzt nur meine Lebensqualität stark herab – bleibe aber trotzdem da. Eine «Exit« – Möglichkeit hatte ich auch: ein kleiner Giftrank und man ist weg. Den will ich im Gegensatz zu früher nicht.


Deine Beschäftigung mit Fotografie freut mich. Habe immer alles selbst gemacht! In guter Erinnerung ist bei mir auch die «Kindergartenphysik« in Solothurn geblieben. Erinnerst du  dich noch an das «Knallgas« – Mund auf, Ohren zu und dann zünden! Oder Regenbogen mit Gartenschlauch…


Noch vieles wäre zu schreiben – bei mir schwindet aber die Konzentrationskraft im Kopf! Also ganz herzlich und ich freue mich schon auf deinen nächsten Brief – Aus London?


Herzlich

K.«

Bin Traurig und vermisse meine Schweizer Gang und Familie. Das Leben ist nicht fair, das einzige was uns bleibt ist die mit der Zeit grösser werdende Abstumpfung, mit unserem Herzen zu bekämpfen! Lasst uns alle zusammen auf die Strasse gehen und für die Emotionen und Gefühle, die nicht zensierten und ehrlichen, kämpfen!

Grosse Umarmung,

Baba