Kultur | 02.03.2009

Bilder eines Jahrhunderts

Geschichtsunterrricht kann trocken sein. In Verbindung mit einer spannenden Erzählung kann plötzlich alles ganz unterhaltend sein. So geschehen im Roman "Jahrhundertschnee".
Ernst Halters Roman "Jahrhundertschnee" ist ein Buch der Wandlungen, Krisen und möglichen Erkenntnis.
Bild: Tian Hartmann. Ernst Halter. Werner Erne / Limmatverlag.ch

Ein Buch, dessen Protagonist keine Person ist und dessen Handlung sich über ein ganzes Jahrhundert erstreckt, liest sich ungewohnt. Ungewöhnlich ist auch die Art und Weise, wie Ernst Halter in „Jahrhundertschnee“ die Geschichte seines Helden, des 20. Jahrhunderts, erzählt. Das Buch ist keine Chronik, kein Geschichtsband. Vielmehr gewährt Ernst Halter dem Leser Einblicke in seine reiche Sammlung von Bildern, Gesprächen, Träumen und  Erlebnissen, die sich über das ganze Jahrhundert verteilen. Er vermengt und vereint eine Vielzahl von Schicksalen und Gedanken: Geschichten einzelner Menschen und Familienchroniken finden ebenso wie Diskussionen und Traumbilder ihren Platz. Ein historisches Sammelsurium, das dem Leser die Geschichte des 20. Jahrhundert neu erzählt und aus ungewohnten Perspektiven zu beleuchten weiss.

Schnappschüsse

Die fünf Besitzergenerationen eines Bauerngutes im Schweizer Mittelland erzählen die eine Geschichte, eine Adelsfamilie, die von ihren Gütern in Osteuropa vertrieben wird, eine andere. Brecht und Canetti diskutieren über die drohende Gefahr des Faschismus, ein todesmutiger Fotograf hält die Katastrophe von Tschernobyl für Nachwelt fest. Ein alternder Schlossherr analysiert im Zwiegespräch mit dem Autor den Wandel der Welt, Statistiken bringen ihre Perspektive in kalten Zahlen zu Blatt. Ernst Halter lässt sie alle gewähren, um die Wandlungen des 20. Jahrhunderts aus ihrer Sicht und in ihrer Wahrheit zu erzählen. Es sind einzelne Mosaiksteine, die der Autor geschickt zusammenfügt: Momentaufnahmen, die aneinandergereiht und in ihrem Ganzen das gewaltige Bild eines aufrüttelnden Jahrhunderts zeichnen. Ein Bild, das uns bekannt scheint und doch so fremd ist.

Die Welt im Wandel

Es ist das Abbild einer Zeit, von der wir selbst Teil sind und die wir aus den Schulbüchern und den Erzählungen unserer Vorfahren zu kennen glauben. Das Jahrhundert der Weltkriege, der zerstörerischen Kräfte des Nationalsozialismus und des Kommunismus. Das Zeitalter der Atombomben und des kalten Krieges. Eine Welt im Wandel und in der ständigen Umformung. Mitten in den Wirren: Die Schweiz, die in den Shortcuts Halters immer wieder auftaucht.

Im Fluss der Zeit

„Jahrhundertschnee“ ist kein einfaches Buch. Die Erzählung wechselt oft sprunghaft zwischen den Tatorten Mitteleuropas und den Jahrzehnten. Verschiedene Akteure begleiten den Leser, wechseln sich ab und verschwinden plötzlich wieder. Wer die geschichtlichen Hintergründe kennt, findet sich leichter zurecht. Ansonsten hilft Wikipedia dem Verständnis. Das Buch birgt eine ungeheure Fülle an Reichtümern, die unter dem Schleier der Vergangenheit in Vergessenheit geraten sind. Sie werden von Ernst Halter geborgen und mit den Lesern geteilt. Interessiert man sich für die noch junge Historie Europas und der Schweiz, so stösst man in dem Roman auf eine wahre Schatzkammer.

Buch und Autor


"Jahrhundertschnee" von Ernst Halter ist beim Ammann Verlag in Zürich erschienen. Preis: ca. 40 Franken.

Ernst Halter, geboren 1938 in Zofingen, studierte in Genf und Zürich Germanistik und Kunstgeschichte. Seit 1970 veröffentlicht er regelmässige Gedichte, Erzählungen und Romane. Daneben ist er als Herausgeber, Übersetzer, Publizist und Verlagsberater tätig. Ernst Halter lebt in Aristau AG.

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