Gesellschaft | 01.03.2009

Ausreissen – Mit Hilfe von Stift, Mikrofon oder Kamera

Menschen mit Migrationshintergrund sind in der Medienbranche zu wenig vertreten. Ein Medienwettbewerb soll Abhilfe schaffen und junge Secondos zu Wort kommen lassen.
Beiträge zum Thema "Ausreissen" von ver- und entwurzelten Medienschaffenden sind gefragt.
Bild: Fritz Schumacher / youthmedia.eu

Die Zahlen sind eindeutig. Jeder fünfte Einwohner der Schweiz verfügt nicht über die Staatsbürgerschaft. Kaum ein Tag vergeht, an dem in den Medien nicht über Integration und die damit verbundenen Schwierigkeiten berichtet wird. Man versucht zwar, Verständnis aufzubringen für die Probleme der Migrantinnen und Migranten, aber sehr häufig fehlt es an tiefen Einblicken. Das wundert einen kaum, wenn man weiss, wie wenige Medienschaffende Migrationshintergrund aufweisen. Gerade einmal fünf Prozent. Die Berichterstattung fällt so leicht einmal zu einseitig aus.

Zu gewinnen gibt es Praktika

Im St. Gallischen Rheintal versucht man dagegen etwas zu unternehmen. Mit dem Medienwettbewerb „Secondomedia“. Einem Wettbewerb, dessen Name schon verrät, dass er Secondos und Secondas ansprechen möchte. Jugendliche die in der Schweiz oder im Liechtenstein wohnhaft und zwischen 15 und 21 Jahre alt sind, können bis zum 31. März einen Medienbeitrag einsenden, der sich mit dem Thema „Ausreissen“ beschäftigt. Der Wettbewerb ist in drei verschiedene Kategorien gegliedert. Man kann die Jury sowohl mit geschriebenen Texten, mit selbstproduzierten Tonaufnahmen, aber auch mit einem kurzen Film zu überzeugen versuchen. Je nach gewählter Kategorie winken als Preise für die Gewinner unterschiedliche Praktika. Bei einer Zeitung, einem Radio- oder einem Fernsehsender.

Offenes Thema

Das Thema „Ausreissen“, das in jedem Beitrag behandelt werden sollte, bildet die einzige Richtlinie für die Jugendlichen. Damit soll genügend Raum für deren Kreativität offen sein. Das Thema spricht das Leben der Jugendlichen direkt an. Denn zum einen sind die Teilnehmenden in einem Lebensabschnitt, in welchem noch mehr möglich ist, als später im Leben. Bekanntes hinter einen zu lassen fällt damit wohl leichter. Zum anderen haben Jugendliche mit Migrationshintergrund in ihrem Leben bestimmt schon die eine oder andere „Ausreiss“-Erfahrung gemacht. Durch Eltern, die aus einem anderen Land stammen, ursprünglich Fremde waren in der neuen Heimat. Was fühlen die Kinder von Immigranten, die zurück in ihre Heimat kehren wollen? Brücken in einem ganz anderen Land aufzubauen fällt umso schwerer, je weniger man alte Brücken hinter sich zurücklassen kann. Für die Eltern ist trotz des Wohnortswechsels klar, welches Land die Heimat ist. Aber wie stehen ihre Kinder dazu? Ist ihre Heimat ein Land, das sie von den Ferien her kennen? Oder ist ihre Heimat das „neue“ Land, in dem sie den grössten Teil ihres Lebens bisher verbracht haben? Die Frage nach der Heimat – eine Frage, auf die es für viele keine Antwort gibt. Vielleicht kann man mehr als eine Heimat haben. Vielleicht fühlte man sich gestern hier zu Hause und heute teilt man den Wunsch der Eltern, wieder zurückzukehren. Von den Jugendlichen muss ein neuer Weg beschritten werden. Ein Weg zwischen Welten. Zwischen der Kinder- und der Erwachsenenwelt. Aber auch zwischen der Welt ihrer Eltern und der Welt, in der sie aufwachsen. Aus vorgegebenen Strukturen „auszureissen“ gilt es auch in der Medienbranche. Es wird eindeutig Zeit, dass Migrantinnen und Migranten stärker vertreten sind. Falls der Wettbewerb „Secondomedia“ einen Beitrag dazu leisten kann, indem er schon junge Leute für die Medien zu begeistern lehrt, so ist ein unbezahlbarer Schritt in die richtige Richtung getan.

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