Kultur | 23.03.2009

Abenteuerliche Ausstellungen

Text von Céline Graf
«Wo willst du zuerst hin?", fragte ein Fahrgast seinen Sohn, der eifrig im Programmheftchen der Museumsnacht 2009 blätterte. Eine Tink.ch Reporterin wusste genau, wohin sie wollte.
Das historische Museum erstrahlt während der Museumsnacht in blauem Licht. Fotos: Claudio Herger Fliegende Briefmarken... und mittelalterliche Fundstücke im historischen Museum.

Einem Maître Chocolatier bei der Arbeit über die Schulter schauen, orientalischen Klängen lauschen oder doch lieber ein Steinzeittheater erleben? Die Entscheidung fiel nicht leicht, das Angebot der diesjährigen Museumsnacht war riesig. Die ganze Freitagnacht lang hatten Berns Museen, Archive und Kulturzentren für die rund 91’400 Nachtschwärmer ihre Tore geöffnet. In den Gassen, auf den Plätzen – überall tummelten sich Kulturbegeisterte jeden Alters. Shuttlebusse brachten sie von Ort zu Ort. Doch wer der Bise trotzte und die kürzeren Strecken zu Fuss ging, wurde von einer einmaligen Stimmung mitgerissen. Die Stadt war wie verzaubert: Weiches farbiges Licht beleuchtete die verschiedenen Standorte, Vorfreude lag in der Luft.

 

Wie vor 100 Jahren

19.00 Uhr. An der langen Schlange vor dem Bundeshaus, Richtung Münstergasse vorbei, um in der Universitätsbibliothek mit einem Thaicurry Energie zu tanken – die Nacht war schliesslich noch lang. 1903 bis 1905 wohnte Albert Einstein mit Frau Mileva und Sohn Hans Albert im 2. Stock an der Kramgasse 49. Die spezielle Relativitätstheorie sowie die Grundlagen zur Allgemeinen Relativitätstheorie erarbeitete Einstein in Bern. Rund 100 Jahre später steigt man mit einer gewissen Ehrfurcht die Wendeltreppe im „Einsteinhaus“ hoch. In der Wohnung steht noch originales Mobiliar. Bilder, Schriften und ein Dokumentarfilm vermitteln spannende Einblicke in Einsteins Leben. „So, he sat right here?“ – auch die Touristen erlebten Bern einmal auf etwas andere Art.

 

20.00 Uhr. Im Stadtarchiv am Erlacherhof wähnte man sich im 19. Jahrhundert. Aus dem Saal vor dem Büro des Stadtpräsidenten erklang Ballmusik. Im anliegenden Raum begann gerade eine Schulstunde wie anno dazumal: „Fusssohlen auf den Boden, Unterarme auf den Tisch!“, wurden ein paar erwachsene Besucher angewiesen. Brav quetschten sich diese auf die niedrigen Schulbänke. Sie spähten unauffällig zum Nachbarn – darf man jetzt einfach wieder aufstehen?

 

Abenteuerliche Ausstellungen

Auch für die Kinder gab es allerhand Interessantes zu entdecken wie etwa Geschichten über Elfen und Gnome im Botanischen Garten oder diverse Kinderkonzerte. Vor dem Schweizerischen Alpinen Museum konnten sich Mutige im „Bouldern“ üben, dem Erklimmen einer Kletterwand ohne Sicherung. Daneben in einem Zelt gab es – wie schon von weitem zu erschnuppern war – Raclette. Der Käse und die langen Holztische schufen sogar ein bisschen Berghütten-Atmosphäre.

 

21.30 Uhr. Nach einem spannenden Exkurs in die Schweizer Tourismusgeschichte, ging es zügig weiter zum Kommunikationsmuseum. Unterwegs kreuzten sich die verschiedenen Routen der Nachtschwärmer. Alle machten einen zufriedenen Eindruck. Müde? Hie und da waren erste Gähner zu erspähen, welche etwas ansteckend wirkten. Vor dem Museumsrundgang genehmigte man sich deshalb erst einmal ein Crêpe mit Zimt und Zucker, dazu einen wärmenden Kaffee. In der abenteuerlichen Ausstellung rund um die Kommunikation wurden die Besucher zum Mitmachen aufgefordert. Man hätte stundenlang hören, drücken, schauen und staunen können. Vor einer kleinen Bühne herrschte dichtes Gedränge, nächstens begann ein Kabarett. Später traten hier noch die Kummerbuben auf.

 

Wer hat’s erfunden?

„Degustieren Sie Schweizer Erfindungen!“, hiess es im Schweizerischen Bundesarchiv. Dem sind natürlich alle gerne nachgegangen – die Vorräte an Ricola, Militärkeksen und Toblerone waren inzwischen erschöpft. Doch auch allerlei nicht Essbarem begegnete man auf dem Rundgang. Wussten Sie, dass Reissverschluss, WC-Ente, Anti-Brumm und sogar der beliebte Pingu aus Schweizer Hand stammen? Letzterer ruft wohl bei so Manchem Kindheitserinnerungen hervor.

 

23.00 Uhr. Schliesslich lockte noch ein Besuch ins Historische Museum. Hier konnte man in orientalische Welten eintauchen oder sich auf die Spuren des Universalgelehrten Albrecht von Haller begeben. Noch bis zwei Uhr spät waren die Nachtschwärmer unterwegs. Für all die spannenden Ausstellungen reichte die Zeit leider nicht. Eigentlich die perfekte Gelegenheit, die eine oder andere Ausstellung wieder einmal an einem verregneten Sonntag zu besuchen.