Fragen und Antworten

11 Fragen an eine Fastende, die mit ihrem Fastenlatein fast am Ende ist


1. Ist es nicht nur am Anfang schwer und dann immer leichter?

Das einzige, was leichter wird, ist mein Körpergewicht. Ich esse gerne. Ich liebe den Duft von frisch gebackenem Holzofen-Bauernbrot. Der Verzicht auf Verkostung desselben fällt mir bei jedem Mal schwerer.

2. Ist Fasten meditativ?

Etwa so meditativ wie der immer flüssiger werdende Stuhlgang.

3. Hast du keinen Hunger?

Hast du keinen Verstand? wäre die einzig vernünftige Gegenfrage darauf. Natürlich hab ich Hunger. Aber das haben Millionen anderer Menschen auch. Im Gegensatz zu mir jedoch unfreiwillig. Kein Grund für Mitleid also.

4. Fastet der Bärtige auch mit?

Menstruiert er mit mir? Teilt er mein PMS? Enthaart er sich die Beine? Wird er dereinst mit mir Presswehen ausstehen? Die Antwort ist: Nein.

5. Schlägst du aus der Familie, dass du so dick geworden bist?

Mein Vater ist Landwirt und verbraucht pro Tag ca. 6000 Kilokalorien. Meine Mutter und meine Schwestern fasten bereits, seit sie nicht mehr an der Schoppenflasche hängen. Ich habe mich ernährungstechnisch leider immer an meinem Vater orientiert.

6. Trinkst du nur Wasser?

6 Wochen lang? Würde ich das überleben? Ich bin eine arbeitende, studierende, haushaltende, schreibende, aktive Person. Noch lebe ich.

7. Fasten und gleichzeitig aufhören zu rauchen, geht das?

Es muss wohl. Was wäre schon ein Fasten, wenn man den Teufel mit dem Beelzebub austreiben wollte und die eine Sucht mit der anderen substituierte? Katholischerweise müsste ich sogar noch auf ganz andere Genüsse verzichten.

8. Fastest du aus spirituellen Gründen oder willst du auch abnehmen?

Diese Frage an eine 100kg-Frau gerichtet ist etwa genauso überflüssig wie ihre 35 kg Übergewicht.

9. Hast du wirklich eine Darmspülung gemacht?

Heisse ich wirklich “on tour” mit Nachnamen?

10. Macht es dir nichts aus, den anderen beim Essen zu zuschauen und selber nichts zu essen?

Sie mussten mir wohl auch genügend oft beim Essen zuschauen, während sie nichts assen. Sonst wäre es nicht so weit gekommen.

11. Ist es geschickt, während des Fastens Engagements anzunehmen, bei denen die Verpflegung Teil der Gage ist?

Nein.

Das Tagebuch

28. Tag

Tagesbilanz:

Zu viel Speck am Leib: 26,5 kg

Zum leiblichen Wohl: Gibt es eigentlich irgendein Gemüse, das sich nicht zu Suppe verkochen liesse?

Zur Leibesertüchtigung: Brav morgens und abends mein Rücken- und Bauchmuskulaturtraining absolviert.

Sünden: Teigschüssel ausgeleckt.

29. Tag

Tagesbilanz:

Zu viel Speck am Leib: 26,5kg

Zum leiblichen Wohl: Rohkost mit Essig

Zur Leibesertüchtigung: Bauch-Rücken-Beine: Ich hab da ja Muskeln, von denen ich gar nichts wusste…

Sünden: Nebst Essig ist mir das eine oder andere Tröpfchen Olivenöl auf die Salatblättchen gerutscht.

30. Tag

Tagesbilanz:

Zu viel Speck am Leib: 26 kg

Zum leiblichen Wohl: Saft, Früchte und zuckerfreie Masse (Pudding oder Creme-Ersatz).

Zur Leibesertüchtigung: Mein neu aufgenommenes tägliches Bauch- und Rückentraining.

Sünden: Lifestyle-Weight-Watchers-Dessert-Produkte gehören, wenn auch kalorienereduziert, nicht unbedingt in die Fasten-Palette…

31. Tag

Tagesbilanz:

Zu viel Speck am Leib: 26kg

Zum leiblichen Wohl: Salatbuffet…

Zur Leibesertüchtigung: B.-R.-Training, schweisstreibendes Unterrichten samt Elterngesprächen.

Sünden: Indische Gemüse-CREME-Suppe. Mhhh. In Indien wäre dies bestimmt keine Sünde. War schliesslich kein Rindfleisch drin.

32. Tag

Tagesbilanz:

Zu viel Speck am Leib: 25,5kg

Zum leiblichen Wohl: Siehe Sünden.

Zur Leibesertüchtigung: B.-R.-Training, Beschwerliche Reise aufs Land.

Sünden: Was soll man denn bitteschön anderes tun, als sich zu versündigen, wenn man eine kulinarische Reise moderiert und liest und der 6-Gänger Teil der Gage ist?

33. Tag

Tagesbilanz:

Zu viel Speck am Leib: 25,5kg

Zum leiblichen Wohl: Bouillon, Salat, Apfelcurrysuppe.

Zur Leibesertüchtigung: B.-R.-Training, zu Bett bringen (d.h. erstmal eine halbe Stunde Fangis spielen) von Neffe und Gottimädchen. Die Ausdauer von Kindergärtnern ist nicht zu unterschätzen!

Sünden: Hab für meine Verwandtschaft gekocht und musste natürlich probieren…

34. Tag

Tagesbilanz:

Zu viel Speck am Leib: 25kg

Zum leiblichen Wohl: siehe Sünden.

Zur Leibesertüchtigung: B.-R.-Training.

Sünden: siehe zum leiblichen Wohl.

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Ehrlich und einfach

Er war lange ein Geheimtipp, nun kann er sich langsam aber sicher nicht mehr verstecken: Seasick Steve, der Bluesmusiker, der aussieht wie ein Obdachloser, feiert in England mit seinem aktuellen Album “I Started Out With Nothin’ And I Still Got Most Of It Left” Erfolge. Bestimmt hat der fast 70-Jährige nicht mehr damit gerechnet, auf sein Hohes Alter, nochmals die Charts zu stürmen, schliesslich ist Seastick Steve, der mit bürgerlichem Namen Steve Wold heisst, bereits seit 40 Jahren im Business. Unter anderem produzierte er Alben für Modest Mouse und gab Blueskonzerte auf der ganzen Welt, mal vor grösserem, mal vor kleinerem Publikum. Warum also der späte Ruhm?

Vielleicht ist es die Einfachheit und Ehrlichkeit, die “I Started Out With Nothin’ And I Still Got Most Of It Left” ausstrahlt. Obwohl das Album bei Warner Music, einem grossen Label, veröffentlicht wurde, spürt man Steves Wurzeln deutlich. Der Sound ist rau und direkt. Was könnte man sonst von jemandem wie Seasick Steve erwarten? Seine Biographie erinnert an jene des ur-amerikansichen Singer/Songwriters Woody Guthrie: Als Junge hatte er keinen festen Wohnsitz, zog auch später immer wieder um und war ein guter Freund von Janis Joplin. Seasick Steve hat seine bewegte Biographie zu Musik gemacht.

Musiker oder Komiker?
Ihn live zu erleben, ist ziemlich ungewöhnlich. Wer einen typischen Bluesman erwartet, könnte überrascht sein, denn obwohl Steve schon seit Jahren nicht mehr obdachlos ist, erweckt sein Äusseres noch immer diesen Anschein. Bei Konzerten trägt er gern einen Overall mit einem ärmellosen Shirt darunter. Seinen Bart lässt er wachsen, bis dieser fast sein ganzes Gesicht verdeckt und die Gitarren, auf denen er spielt, sehen aus, als ob er sie auf der Strasse aufgelesen hätte. Oft fehlen mehrere Seiten, und als ob das nicht schon genug wäre, macht Steve darüber oft auch noch Witze. Als ihn die Reporterin zum ersten Mal live sah, fragte sie sich, ob sie einen Musiker oder einen Komiker vor sich hatte. Kaum hatte Seasick Steve jedoch zu Spielen angefangen, verflogen die Bedenken. Denn welche Töne der Künstler seinen leicht kaputten Instrumenten entlockt, stellt vieles in den Schatten, was Andere mit einwandfreiem Equipment spielen. Der Schein trügt also nicht nur bei Steves Äusserem, sondern auch bei seinem Sound. Obwohl er meistens klassischen Blues spielt, klingt seine Musik auch für ein junges Publikum nie langweilig oder monoton.

“I Started Out With Nothin’…” beweist, dass man Blues erfolgreich mit modernerem Rock verbinden kann. Man findet auf diesem Album langsame und nachdenkliche Lieder wie “Walkin Man” und “Fly By Night” aber auch schwungvolle Songs wie zum Beispiel  “I Started Out With Nothin'”.  Der stärkste Teil des Albums besteht allerdings aus den Liedern, in denen Seasick Steve neue Rockelemente einbringt. “Thunderbird” ist eine Demonstration davon, in diesem Song treffen Elektrogitarren auf Trommeln. Das alles, dem Titel entsprechend, in einem rasenden Tempo. Für das Live-Erlebnis ist diese CD natürlich nur ein geringer Ersatz, wer also die Möglichkeit bekommt, Seasick Steve auf der Bühne zu sehen, sollte die Chance packen.  Nichtsdestotroz ist “I Started Out With Nothing And I Still Got Most Of It Left” ein Album mit Charisma, das viel über Steves Jugendzeit und seine Lebensphilosophie verrät. In einem Song erzählt der Blues-Altmeister sogar von seinen Schwierigkeiten, sich von Flöhen zu befreien. Ich kann nicht empfehlen, Seasick Steves Heilmittel dagegen zu probieren, aber ich empfehle, seinem neuen Album eine Chance zu geben.

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Indie und trotzdem nicht arm

Ob das “M” beim M4Music-Festival nun für Migros4Music, Music4Music oder Marathon4Music steht, ist eigentlich egal. Ganz sicher steht das “M” nicht für Major Label. Denn Indiemusik wird an diesem Festival, das gleichzeitig auch eine Konferenz zum Thema Musik ist, gefördert, was das Zeug hält.

Was allerdings wirklich Indie ist, kann heute kaum noch definiert werden. Von der Philosophie zum Genre wechselte der Begriff oftmals Kategorie und Bedeutung. Die allgemeinste Definition wäre wohl die Folgende: Alles was nicht von einem Major Label produziert wird, ist Indie, denn es wurde “selbstständig” gemacht. Der echte Indie-Sound starb vermutlich in den 90ern aus. Heute bestimmt eher die Musikrichtung, was Indie ist und viele der kleineren Labels arbeiten wie grosse Labels, nur einfach mit weniger Geld. Da könnte man sich wieder darum streiten ob nicht das genau der Punkt der ganzen Geschichte sei. Das ist aber vielleicht genau das Missverständnis: Independent zu sein heisst nicht, arm zu sein. Es geht vielmehr darum, sich Zeit für Kreativität zu nehmen und der Musik so eine Form zu geben, die nicht vorfabriziert ist. Der Weg ist unendlich und schwer, doch einmal gestartet, ist es wahrscheinlich die einzige Strasse, die richtige Musikerinnen und Musiker nehmen können.

Ganz verloren scheint die Indiewelt noch nicht zu sein. In unserem kleinen Land versucht sich eine neue Generation von Bands an dieser Philosophie. Nicht ganz ohne Ähnlichkeiten mit dem heutigen britischen Genre, aber mit beachtlichem Ehrgeiz: Eigene Musik, eigene Texte, eigene Produktion und vor allem viele Demos. Demos die in der Demotape Clinic des M4Music ein Zuhause gefunden haben. In den vier Kategorien “Pop”, “Urban”, “Rock” (Gewinner: Christopher Christopher) und “Electronic” (Gewinner: Kreis Zwei) wurden gestern wieder vier Preise vergeben. Einerseits wurde in jeder Kategorie der Suisa-Award verliehen, der den Gewinnern 2000 Franken einbringt. Zusätzlich kürte M4Music aus den vier Gewinnern das “Demo of the Year 2009”. Dieser Preis bringt der Siegerband weitere 2000 Franken an Bord.

So viele Hallen, so viele Möglichkeiten. Während in der Halle zwei des Schiffbaus in Zürich Diskussionen zur Demotape Clinic auf Hochtouren liefen, wurde im Moods ein spannendes Gespräch geführt mit dem Elektromusiker Señor Coconut. Der erste Tag der M4music-Festivals stand allerdings, trotz vieler spannender Anlässe, ganz im Zeichen von Franz Ferdinand, die am Abend im Schiffbau spielten. Doch auch die vielen Bands um die Schotten herum liessen sich sehen: So boten zum Beispiel 7 Dollar Taxi oder The Mondrians Schweizer Indie vom Feinsten. In den frühen Morgenstunden standen dann Elektro-Rocker wie die deutschen Kissogramm und die dänischen WhoMadeWho auf dem Programm und lieferten einen verschwitzten Abschluss des ersten Festivaltages.

Info:


Tink.ch war am Samstag den 28. März am M4Music-Festival dabei und führte Interviews mit The Mondrians, 7 Dollar Taxi, Kissogramm und WhoMadeWho. Die Gespräche werden in den nächsten Wochen auf Tink.ch erscheinen.

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Im Bauch der Bibliothek

Meine Amazonen-Freundinnen und ich werden von ganz unterschiedlichen Interessen geleitet. Im Grunde jedoch verfolgen wir alle das gleiche Ziel: Es geht uns darum, uns selbst zu verwirklichen. Es ist dieses Gefühl der Schöpfungswonne, von dem wir einfach nie genug kriegen können. Die Römerin sucht ihren Selbstausdruck in der Fotografie, die Eremitin malt Bilder und macht Improvisationstheater, Lockenkopf sprüht vor Ideen beim Basteln und Gestalten und Kaktusblüte liebt es, gemeinsam mit Kindern etwas zu erschaffen. Doch ich mag Kinder nicht besonders, ich hasse es zu basteln und fürs Malen und Theater spielen habe ich erst recht kein Talent. Dafür liebe ich es, zu schreiben und zu lesen.

Kaktusblüte wiederum hasst das Lesen. Sie hat ihr Lebtag noch keine zehn Bücher gelesen. Unvorstellbar für mich! Wie also finden wir gegenseitig Zugang in unsere Reiche? Kaktusblüte wird nie verstehen können, wie ich empfinden muss, wenn ich die Gesamtausgabe meines Lieblingsphilosophen Michel de Montaigne in den Händen halte, die gut 500 Seiten umfasst. Wie gut sich dieser überdimensionierte Schmöker in meinen Händen anfühlt und wie mich das plötzliche Drängen erfasst, mit diesem Buch der Bücher unter dem Arm durch die Winterthurer Marktgasse zu stolzieren. Ich bin verrückt. Aber das sind wir alle, wenn es um unsere Obsessionen geht. Es ist normal, dass es uns bewegt, wenn wir so nah an dem dran sind, was uns ausmacht.

Letzte Woche im Kellergeschoss der städtischen Bibliothek wurde mir plötzlich bewusst, dass meine Freundin Kaktusblüte, obwohl sie mich und mein Innenleben so gut kennt, keine Ahnung davon haben muss, dass ich mich in meinem Alltagsleben regelmässig an diesem Ort aufhalte. Es ist der Platz, wo Bücher aufbewahrt werden, die nicht so häufig ausgeliehen werden. Wahrscheinlich hat sie keine Ahnung, wie es dort, im Bauch der Bibliothek, aussieht, wie es riecht. Wie still es ist. Sie weiss nicht, dass die Regale bis zur Decke reichen und proppenvoll sind mit Büchern. Die Regale sind verschiebbar. Damit man zum gewünschten Regal herankommt, dreht man an einem grossen Rad. Eine Luke öffnet sich, während sich die bisherige schliesst. Meine Freundin kann nicht wissen, dass ich jedes Mal, wenn ich an diesem Rad drehe, einen Moment lang fürchte, jemanden in der sich schliessenden Luke zu erdrücken. Einen anderen Bibliotheksbesucher, der im falschen Moment geräuschlos geatmet hat. Doch betritt man erst mal die Luke, ist das alles vergessen. Auf beiden Seiten des Ganges türmen sich die Bücher meterhoch. Ein Gefühl des inneren Friedens flutet mich.

Kaktusblüte würde nicht so empfinden. Doch ich bin mir sicher, wenn ich sie mitnähme, meine Freundin Kaktusblüte, sie würde sich sehr über dieses Rad amüsieren, mit dem sich die Regale wie von Zauberhand öffnen und schliessen lassen. Von Büchern erdrückt zu werden! Auch diese Vorstellung würde sie vermutlich belustigen. Sie würde alles mit dieser kindlichen Unschuld betrachten, die denen eigen ist, die keinerlei Bezug zum Objekt haben, das sie betrachten. Und dann würde sie sich zwischen zwei Regale stellen und ich würde ganz vorsichtig am Rad drehen, bis ihre Nasenspitze fast von einem Buchrücken platt gedrückt würde. Wir würden losprusten und uns die Bäuche halten vor lachen.

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Wer braucht schon Musikinstrumente?

Am Samstagabend besuchten fünf Gruppen fünf Restaurants der Stadt mit einem abwechslungsreichen Songrepertoire im Gepäck. Harmonien und Ambiente stimmten durchaus, fanden Bodensee und Tink-Redaktor.

Rorschach, 20 Uhr, Seerestaurant. Der Bodensee plätschert draussen etwas gelangweilt vor sich hin und scheint auf irgendetwas zu warten. Einige Lichter schauen von Deutschland gespannt herüber, ob sich denn schon etwas tut auf der Bühne. Und ja, es tut sich etwas! Fünf Damen in Trachten der Gruppe “Crazy Voices” stellen sich auf, doch – oh Schreck! – sie scheinen ihre Musikinstrumente zuhause im Bregenzerwald vergessen zu haben. Anstatt nun einige Handörgeli herbeizuhexen, zaubern sie allein mit ihren Stimmen gefällige Lieder in den Saal. Zu Beginn herzig und heimelig, aber mit der Zeit durchaus anspruchsvoll. Die Zuhörer erfahren, dass diese Trachten eigentlich Juppen heissen und man diese früher zu jeder Gelegenheit getragen hat. Dem weltoffenen Ostschweizer scheint solche Allzweckkleidung zwar reichlich suspekt, doch zum Singen taugt die Juppe ohrenscheinlich.

Tanzender See
Kaum sind die Damen mit ihrem wohlverdienten Applaus verschwunden, betritt “Halbacht” um halb neun den Saal. Die Zürcher zeigen zu viert einen gelungenen Stilmix, frisch und fruchtig. Auch die Bühnenshow gefällt gut, besonders wenn nebenher die Fahrerflucht eines Affen aus dem Forschungslabor besungen wird.

Der dritte Akt bildet schliesslich den eindeutigen Höhepunkt des Abends, wie es kein Theaterregisseur besser hätte inszenieren können. Die “Stouxingers” aus Berlin begeistern das Publikum mit ihrer Mischung aus Funk, Jazz und Geräuschexperimenten, dass sogar die Wellen des Bodensees sachte mitgrooven. Nicht umsonst haben die sechs Stimmartisten, eine Sängerin und fünf Sänger, im letzten Jahr den “A Cappella-Grammy” oder “CARA” für den besten Jazzsong weltweit erhalten. Sie müssen denn auch zwei Zugaben zum Besten geben, bevor die Audienz sie zum nächsten Lokal ziehen lässt.

Es folgen die vier A Cappella-Frauen von “SchalluSie”, welche extra aus Köln angereist sind, um der Schweizer Zuhörerschaft ein paar Dinge zu Pferdehaltung und Intrigen am Arbeitsplatz zu sagen, beziehungsweise zu singen. Mit Erfolg: Das witzige Programm irgendwo zwischen Reggae und Pop vermag zu überzeugen. “Ich mob die Hedwig”, eine Interpretation von Bob Marley’s “I shot the Sheriff”, bringt beispielsweise interessante neue Ideen für den Umgang mit unliebsamen Mitarbeitern und Bossen.

Felsenfeste Kompositionen

Den Schlusspunkt setzen “Art Of Voice” mit leichteren Popsongs aus dem fernen Osten Österreichs. Die bisweilen etwas gar leichten Stücke bringen immerhin den See wieder zur Ruhe. Trotzdem gilt auch bei ihnen, was schon den ganzen Abend lang aufgefallen ist: Man hört keine falschen Töne und die Kompositionen sitzen so felsenfest wie der Säntis im Alpstein.

Um elf Uhr verstummen die letzten Harmonien und die Tische leeren sich. Zurück bleibt für einmal kein Tinnitus, sondern die Erkenntnis, dass A Cappella mehr ist als blosser Gesang. Die Stil- und Klangvielfalt, welche sich aus ein paar Stimmen ergeben, sind enorm und bereichern die Musik- und Chorszene ganz bestimmt. Der Motor springt an und Rorschach verschwindet langsam im Rückspiegel, doch der Bodensee wiegt noch immer mit dem leisen Groove des Abends.

Suchen, um zu suchen

Der Markt blüht und für viele jüngere und junggebliebene Leute gehört der allwöchentliche Gang ins Brockenhaus zum festen Bestandteil der Freizeitgestaltung. Seien es Möbel oder andere mehr oder weniger dekorative Einrichtungsgegenstände für die Wohung, seien es Kleider für die Kostümparty oder den bevorstehenden Sommer; Mann und Frau geht ins Brockenhaus, sucht und findet. Und wenn nicht heute, dann halt nächstes Mal. Vielleicht.

Die Sehnsucht nach Objekten, die eine Geschichte zu erzählen haben und dadurch zu Unikaten werden, scheint jedenfalls ungebrochen. Altes verkörpert bleibende Werte und die abgenutzte, aber stilechte Skijacke aus den Siebzigern hebt sich auf der Strasse angenehm dezent von Hennes und Mauritz ab.

Die nicht selbstverständliche Verfügbarkeit des nach Stunden im Brockenhausgewühl gefundenen Filzblazers in der passenden Grösse und das Gefühl der Ohnmacht, das gute Stück nicht einfach nachbestellen zu können, macht geradezu den Reiz eines Besuchs im Brockenhaus aus. Enttäuschung manchmal einfach dazu. Findet sich dann mal das passende Stück, so ist die Freude darüber gross und das Gefühl nach dem Kauf geradezu unbeschreiblich.

Mancheiner zeitplanende Zeitgenosse mag sich fragen, worin der Sinn besteht, sich einen ganzen Samstagnachmittag in der Brocki zu tümmeln, um diesen Hort des Chaos am Ende doch wieder ohne passende Winterjacke zu verlassen. Doch ist es vielleicht genau dieser menschliche Trieb der Suche nach der Suche. Das Internet ermöglichte es uns ja eigentlich, all unsere durch Käufe zu befriedigenden Bedürfnisse vom Sofa aus abzudecken. Müller und Meier können das, alle können das. Sicherlich sind Ricardo und ebay die virtuellen Pendants zur Brocki um die Ecke und sicherlich findet sich online alles, was das Käuferherz begehrt (in der passenden Konfektionsgrösse, wohlbemerkt). Trotzdem, in der Brocki läuft der Hase anders.

Eine Katalogisierung fällt in der Brocki weg. Halbwegs organisierte Brockenhäuser teilen ihre Räumlichkeiten nach kleineren Möbeln, Elektronik, Küche, Geschirr, Schuhe, Kleider, Bücher, Spielwaren und grösseren Möbeln ein. Und dann gibt es noch das Regal für kleinere Küchenutensilien. Und dort wiederum findet sich noch ein Regal für Lederwaren. Und Koffer. Gleich nebenan noch ein kleines Gestell mit Lampen. Ein richtiges Brockenhaus ist ein Labyrinth, und das ist gut so. Und Brockis riechen. Hätten Düfte eine Farbe, die Luft in Brockenhäusern wäre getränkt mit schönen Sepiatönen, gemischt mit warmem orange, vergilbtem gelb und Siebzigerjahrebraun. Und der aufmerksame Leser mag richtig bemerken, auch Schwaden von rosa. Weshalb ich mich jetzt aus dem Sofa hebe und kurz noch einen Abstecher ins Brocki mache. Brauchen tue ich ja eigentlich nichts. Aber so eine alte, lederne Arzttasche wär halt schon noch schön.

Viel Arbeit, diese Selbsterschaffung

Solothurn, 28. März 2009

Lieber B,

Schön und traurig, der letzte Brief deines Grossvaters. Schön, weil man sich ihm wirklich nahe fühlen kann, auch wenn man ihn nicht gekannt hat, sind seine Gedanken in seinem alten Kopf nachvollziehbar, was eigentlich erstaunlich ist, da dieser Mann eine sich immer schneller drehende Welt miterlebt hat.

Und traurig, weil ein jeder von uns am Tor zum nächsten Level alleine ist, und sich nur noch vor sich zu verantworten hat. Dieser Moment ist uns Jungbolden noch so fern und doch spüren wir manchmal seine fremden und unerklärlichen Strahlen auf uns, wie wenn jemand uns von hinten anschaut und man es nur instinktiv spürt.

Ich bin froh am Leben zu sein, und das sich meine Welt immer mehr klärt von unwichtigem Lärm, ich erschaffe mich gerade selbst und halte mich an mir selber und an den Menschen die ich liebe. Dies Alles aufzugeben im Alter und sich nicht mehr zu erinnern an den grössten Teil unseres Lebens und die Welt in der man noch lebt einfach nicht mehr zu verstehen muss alte Menschen Schmerzen.  Niemanden zu haben, der einem zuhört, weil all diese jungen Menschen so wahnsinnig viel zu tun haben mit ihrer Selbsterschaffung.

Ich habe gerade beschlossen trotz all dem Trubel in meinem Leben, meiner Grossmutter, die ich immer noch wöchentlich sehe, aber mir eigentlich einfach zu wenig Zeit für sie nehme, eine Email zu schreiben. Weil, wenn ich ihren Laptop ausleihen darf, sie mich aber jedes Mal auffordert, mit ihr zu schauen, ob sie eine Nachricht erhalten hat. Und noch nie hatte sie eine drin. Und alle Verwandten haben ihre Emailadresse. Und niemand schreibt. Nicht Mal: “Hallo Elisabeth, wie geht es dir, mir geht es gut. Bis bald, dein…….”.

Also wenn ihr da draussen ihr eine Email schreiben wollt durch den ewigen Strom der Zeit und vielleicht auch ein Foti schicken wollt, schickt`s an mich, ich leite es dann weiter (E-Mail-Adresse oben beim Autoren-Namen). Vielen dank.

Wie du weisst bin ich gerade daran, mich selbständig zu machen. Als Handwerker. Gibt mir genug zu tun, um nicht mehr in schnöde Discotheken zu müssen, oder aus Langeweile irgendwas zu tun. Und da ist mir heute ein schöner Satz in den Sinn gekommen, den ich mit dir teilen möchte:

Wieso Freizeit, wenn ich Freiheit haben kann?!

Es gibt so vieles, was ich dir erzählen möchte. Aber vielleicht lass ich es auch bleiben. Denn jeder lebt sein eigenes Leben. Und Verständnis ist schwer zu finden. Ich glaube, dass ist auch der Grund, wieso die Leute erwachsen werden wollen. Damit sie nicht mehr soviel miteinander sprechen müssen.

Bis zum nächsten Mal

Everywhere you go, I go, Amigo

Viren, Nonnen, Superhelden

Vom Virenbefall in all seinen Auswirkungen sprach eine Vielfalt von Comics in der Wettbewerbs-Ausstellung des diesjährigen Fumettos. Teilnehmende aus über 30 Ländern sahen die Befassung mit dieser Thematik als veritables Sprungbrett, um sich dem internationalen Vergleich zu stellen und sich einer breiten Öffentlichkeit präsentieren zu können. Ziel war es,  das Thema “Virus”  zu reflektieren und sich in kreativer Form dazu zu äussern. Eine breite Palette von Kreativitäten rund um Viren entstand: von der Inkubation der Erde zu personifizierten Virenfigürlichkeiten bis hin zu gefährlichsten Virenattacken oder verdunkelten Horrorvirengeschichten. Gefährliche Viren-Tiere, kindlich-süsse Virenorganismen, abstrakte von Viren befallene Landschaften und skurile Teufelviren umkreisten die vorgegebne Thematik. Inwiefern diese Teilnehmenden selber von einem bestimmten Virus, das ein Comic-Fieber auslösen kann, befallen sind, darüber entschied die Jury.

 

(Nicht) lustig

Skurril, makaber, humoristisch: Auf diese Formel könnte man die zeichnerischen Darbietungen des US-Künstlers Mark Newgarden in dessen Ausstellung “Was ist lustig” zusammenfassen. Absonderlich anmutend ist die Tatsache, dass entgegen jeder Vorstellungskraft und Gewohnheit eine kühlwirkende Nonne den Mittelpunkt der Geschehnisse bildet. Makaber sind die unvorsehbaren Wendungen in der Mimik und Gestik der Protagonistin, die erst zum Vorschein treten, wenn die Betrachter aufgrund der fortgeschrittenen Situation nicht mehr mit einem emotionalen Ausdruck rechnen. So wird die Nonne in einem subtil dargestellten Rotlichtmilieu von einem Mann mit einer Handfeuerwaffe bedroht. Die wenig zierlich wirkende Dame lässt sich jedoch nicht aus der Fassung bringen. Der Dieb lässt nach, dreht sich um und wird auf dem letzten Bild der Serie von der Nonne von hinten erschossen. Hier zeigt der mit Tod und Vergänglichkeit scherzende Teil all seine schwarz angepinselten Facetten und belässt es dem Leser zu entscheiden, ob es (nicht) lustig ist.

 

Superhelden der Neuzeit

Die überall in der Luzerner Altstadt  montierten Wegweiser zeigen den direkten Weg in eine Höhle der Heroes, in welcher sich Superman und seine schrägen, bunten und mit viel Watte gestopften Heldenkumpels rüsteten für eine erfolgreiche Heldentat. Superman überdachte alles bis ins kleinste Detail und vergass dabei nicht akribisch zu notieren, was man für die Zubereitung von Würsten gebraucht. Aus der Wunderhöhle, eingehüllt in volle luftige Wolken, erschienen undefinierbare, lebendige Fantasiegestalten. Auch das Spiderman-Baby wimmert um Aufmerksamkeit, aus jedem Wandwinkel erscheinen abstrahierte, bunte Gestalten, die darauf warten, entdeckt zu werden. Die Bühne im Innern der Höhle lud ein, heldenhafte Hörerlebnisse zu bieten. Es stellt sich die Frage, inwiefern die Superhelden die Bühne rocken würden, beziehungswiese, ob sie ihre übermenschlichen Fertigkeiten einem breiten Publikum darbieten möchten.

 

Wer die Spuren kreativer Viren verfolgen und sich auf Comic-Helden jeglicher Art einlassen möchte, ist noch bis am 5. April 2009 in Luzern genau richtig. Startgast ist dieses Jahr der britische Künstler David Shrigley. Das vielfältige Programm des Comic-Festival Fumetto 2009 kann unter www.fumetto.ch studiert werden.