Sport | 02.02.2009

Zwischen Freunden und Schein-Feinden

Text von Mario Caviezel
Ehe man sich versieht - oder wie es die Engländer sagen "before you know where you are" - ist der Sonntagnachmittag da. Und jeder Fussballliebhaber weiss intuitiv wo er dort sein wird: Im englischen Pub.
Fussball verbindet und knüpft Freundschaften, Fotos: Mario Caviezel Verschiedene Nationalitäten vereint mit demselben Ball

Welcher Fan des englischen Club-Fussballs kennt folgendes Gefühl nicht; am Sonntagnachmittag wird das geliebte Fussballshirt aus dem Schrank genommen, rübergestreift und der Freundin mit Genugtuung präsentiert. Denn eine brisante Partie zwischen der von der Fangemeinde hochstilisierten und favorisierten Mannschaft und dem Ligarivalen steht wieder auf dem Programm. Das Fussballherz wird von dieser künstlich generierten Stimmung erfasst; bereits Stunden vor dem Spiel rast es bekümmert. Man fühlt sich in solchen Augenblicken nicht verletzlich, sondern eher wie ein unsterblicher Held, ein Teil derjenigen Mannschaft, die in wenigen Minuten zum grossen Kampf auf den Rasen antritt und mit grosser Zuversicht auch gewinnen wird.

Ab geht’s in das englische Pub; eine Lokalität, die eine prickelnde Atmosphäre kreiert und fähig ist, diejenigen Emotionen heraufzubeschwören, die den Fussballfan dazu bringen, sich wohler zu fühlen als in der guten alten Stube. Solche Empfindungen möchte man mit Gleichgesinnten teilen, die sich zu denselben Clubfarben bekennen und einen Teil des heiligen Fussballsonntags bilden. Dem gegnerischen Fan gönnt man solche Gefühlswallungen nicht, denn schliesslich hat sich dieser für die Unterstützung des Erbfeindes entschieden – eine freiwillige Unterordnung, die bei der Gegenpartei stets Kopfschütteln auslöst und mit vulgären Sprüchen untermalt wird. Gegner hin oder her; man ist sich als Fussballfan stets bewusst, wie sich dieser fühlen muss, denn schliesslich sitzen alle im selben Boot – und sogar mehr als das. Sie bewahren und beschützen alle eine Kultur, die trotz ihrer über 100-jährigen Tradition tagtäglich von „Auswärtigen“ in Frage gestellt wird. Eine Tatsache, welche die polarisierende Fangemeinden verbindet und sie nicht oft wie unzivilisierte Barbaren auftreten lässt.


Vorfreude aufs Wiedersehen

Trotz der sportlichen Segregation steht und fällt die eigene Fangemeinde, das eigene Fussballherz, mit dem Gegenüber. Ohne den Fan im Chelsea-Trikot oder dem Engadiner im Manchester United-Shirt kann der Sonntagnachmittag nicht gebührend zelebriert werden. Diskussionen, ob der Schiedsrichter bei der Elfmeterentscheidung eher Tomaten auf den Augen hatte oder unkorrigierte  Kontaktlinsen trug, blühen erst bei differenzierten Meinungen so richtig auf und prägen die unvergesslichsten Momente ins Unermessliche. Nach aussen wünscht man dem Unparteiischen keinen geglückten Tag, innerlich wünscht man sich trotz dem emotionalen Vulkan nur eines; ein Wiedersehen mit den Fans vom Gegnerteam, die mehr als nur Beisitzer waren. Schliesslich weiss jeder Sympathisant des englischen Fussballs, dass man ein Teil des kommerziellen 90-minütigen Spiels ist und dass am Sonntagabend das Trikot wieder in den Schrank verschwindet, sei es, ob man „nur“ ein Modefan oder sogar ein „richtiger“ Fussballfanatiker ist!