Gesellschaft | 09.02.2009

Wo die Klügsten unter den Ihrigen sind

Was erhöht die Chancen auf ein erfolgreiches Studium? Die ETH solls wissen. Falsch, denn zu fächerspezifisch ist diese Hochschule und dem Faktor Mensch wird bei der Studie zu wenig Bedeutung beigemessen.
Auf starke Kritik stösst die ETH-Studie.
Bild: Nathalie Kornoski "Das Fach Mathematik ist kein richtiger Massstab!" Foto: Jennifer Wiesbeck / youthmedia.eu

Es gibt Dinge, die messbar sind und solche die es nicht sind. Der Erfolg einer Unternehmung ist mit Zahlen messbar, der Erfolg einer Schule ist es nicht. Zumindest nicht auf vergleichbare Weise. Aber genau das hat die ETH versucht. Den Erfolg aller angehenden ETH-Studenten an den Basisprüfungen in Verbindung zu setzen mit der Schule, die sie besucht haben und mit der durchschnittlichen Maturitätsnoten an der jeweiligen Schule.
Als die Studie veröffentlicht wurde, habe ich mich zuerst einmal gefragt, wie die ETH diese Frage nach der Qualität der Mittelschulen überhaupt zu beantworten können glaubt. Obwohl die ETH von sich selbst sagt, keine Einstufung der Mittelschulen beabsichtigt zu haben, so hat sie es zumindest provoziert. Die Medien sind die Provokation gerne eingegangen und in den Wochen seit dem Erscheinen der Studie verging kaum ein Tag, an dem sich nicht noch dieser oder jener „Experte“ gezwungen sah, sich zu Wort zu melden.

Kritik am Grundsatz
Der Ansatz der ganzen Studie ist meiner Meinung nach unangebracht. Jeder hat wohl so seine eigene Auffassung, was eine Mittelschule leisten sollte und in welchem Masse. In den letzten Jahren ist jedoch ein eindeutiger Mentalitätenwandel vor sich gegangen. Nicht nur im Umfeld der Schulen, nein, die ganze Gesellschaft orientiert sich immer mehr am ökonomischen Denken. Aufwand und Ertrag werden gegeneinander abgewogen. Wir scheuen es, für etwas Aufwand treiben zu müssen, was keinen sofortigen Ertrag bringt. Ein Ranking gehört meiner Meinung nach an die Börse und nicht ins Schulzimmer. Die Verkennung dieser Ansicht bringt für die Schule grosse Probleme mit sich. Der Druck auf die Schüler und die Lehrer wächst. Man muss nicht nur Geld sparen, nein, auch Zeit. Also lasst uns alles Unnötige streichen! Weg mit dem Bildnerischen Gestalten! Herum kritzeln können die Schüler auch zu Hause. Singen und auf die Klaviertasten hauen gleich auch noch. Zugegeben, das ist sehr überspitzt gesagt, aber es ist doch ganz klar eine Tendenz in diese Richtung vorhanden, oder etwa nicht? Alles wird auf Kosten jener Dinge „rationalisiert“, deren Nutzen nicht allzu offensichtlich ist. Für Manche zumindest nicht.

Mathematikunterricht – kaum zu vergleichen
Konkret auf die ETH bezogen kommt automatisch das Fach Mathematik ins Spiel. Einem Viertel aller Maturanden und Maturandinnen sollte es bei diesem Thema nicht allzu gemütlich sein, denn genau so viele haben eine ungenügende Note in diesem Fach vorzuweisen. Es ist das wohl meist gehasste Fach überhaupt. Mit einer ungenügenden Note wagt sich kaum jemand überhaupt an die Basisprüfungen der ETH heran. Nein, solche Flausen werden einem schon von, pädagogisch oftmals hoch kompetenten, Mathematiklehrer ausgetrieben. Durch regelmässige Bekräftigung der eigenen Unfähigkeiten. Jeder ,der eine Mittelschule besucht hat, oder auch nur schon vom „hören sagen kennt“, weiss, wie gross die Unterschiede innerhalb einer Schule sind. Innerhalb der Spezies Mathematiklehrer sind solche bekanntermassen besonders ausgeprägt. Jemand, der an der genau gleichen Schule mit der genau gleichen Note in Mathematik abschliesst, hat unter Umständen ganz andere Leistungen erbracht als ich. Also wie soll man bei solchen Differenzen nur schon innerhalb ein und desselben Schulhauses Schulen unterschiedlicher Kantone vergleichen können? Trotz meines geringeren mathematischen Intelligenzquotienten, im Vergleich zu durchschnittlichen ETH-Studenten, wage ich zu behaupten, dass DAS ein Ding der Unmöglichkeit ist.

Zweifelhafte Aussagen
Nur schon bei der Wahl des Gymnasiums trennen sich die Wege zwischen den Naturwissenschaftlern und den Geisteswissenschaftlern. Obwohl einem immer wieder verkündet wird, die Mittelschule beabsichtige eine breite Grundausbildung bei allen Schülern und man treffe mit der Wahl des Schwerpunktes am Gymnasium keine endgültige. Doch wissen wir nun, dank des Rankings, welche Schwerpunkte eher für Dummerchen sind und wohin die Klügsten der Klugen unter den Ihrigen sind. Hoch lebe das Klischee! Kann man nun sagen, dass jemand, der sich eher für Literaturgeschichte als für Algebra begeistern kann, weniger studierfähig ist? Die ETH in allen Ehren, aber es ist doch eine stark fächerspezifische Ausbildung. Sprich ziemlich ungeeignet als einzelner Massstab für eine Studie zu fungieren.

Mehr als eine Maschine
Die letzten Wochen war das ETH Ranking eindeutig das Thema Nummer eins unter der werten Lehrerschaft der Kantonsschule Sargans. Die Kantonsschule Sargans hat überdurchschnittlich gut abgeschlossen, was die Schulleitung freute, aber dennoch nicht davon abhielt, Kritik zu üben an dieser Studie. Was meiner Meinung nach mehr als angebracht ist. Denn ich hoffe, dass der ein oder andere Pädagoge diese Ökonomisierungsseuche überlebt hat. Und hinter mir, einer Mittelschülerin, mehr sehen, als eine Maschine.