Kultur | 09.02.2009

Torrents, Toiletten und Van Go Go Girls

Text von David Weber
Am vergangenen Wochenende stand St. Gallen wieder ganz im Zeichen der nordischen Musik. Der gleichnamige Ostschweizer Verein veranstaltete das Nordklang-Festival, mit zehn Bands aus dem Norden, verteilt auf vier Bühnen in der St. Galler Innenstadt. Der Tink.ch-Reporter war mit Kamerafrau vor Ort.
Schwermütig ging es beim Choir Of Young Believers zu und her. Fotos: Rubina Silvestrin Annika Aakjaer entzückte das Publikum mit ihrem bissigen Humor. Für ein musikalisches Feuerwerk sorgten Vincent Van Go Go.

Als der „Choir Of Young Believers“ etwa um 20:00 Uhr die Kellerbühne betritt und zeitgleich mit Montys Loco in der Grabenhalle und Morild im Restaurant National das Festival eröffnet, ist die Lokalität bis auf den letzten Platz gefüllt. Entgegen dem Namen verbirgt sich hinter „Choir Of Young Believers“ aber nicht etwa ein Kirchenchor, sondern in erster Linie Jannis Makrigiannis, seines Zeichens Songwriter, Sänger und Gitarrist. Am Festival wird er in reduzierter Band-Zusammensetzung begleitet von Cæcilie Trier am Cello. Der gemeinsame Auftritt wird von einigen Zuschauern zu Unrecht mit dem Verlassen des Saals quittiert: Makrigiannis versteht es, mit seiner kräftigen Stimme und dem sporadischen, aber entschlossenen Einsatz der beiden Instrumente Klangteppiche auszubreiten, die in ihrem Schwermut bisweilen an Thom Yorke erinnern. Er harmonisiert dabei ausgezeichnet mit Cæcilie Triers feiner Stimme, was dem Zuhörer spätestens bei „Claustrophobia“ klar wird. Das Debut-Album von „Choir Of Young Believers“ namens „This Is For The White In Your Eyes“ ist bisher nur in Dänemark erhältlich, wird aber von Makrigiannis herzlich zum „Download from Torrents“ empfohlen.

Charmeoffensive
Rechtzeitig für den Auftritt von Annika Aakjaer füllt sich die Kellerbühne wiederum vollständig. Als sie schliesslich mit Henrik Marstal am Bass und Adnan Bejtovic am Xylophon und an der Melodica die Bühne betritt, sind ihr knallbuntes Kleid und die Blumen in ihrem feuerroten Haar Vorzeichen der Charmeoffensive, die sie in der folgenden Stunde auf das Publikum loslässt. Die unbeschwert auftretende Dänin, die sich selber als Singer-Songwriter bezeichnet, gewinnt mit ihrem zeitweise bissigen Humor das Publikum im Nu für sich. Mal nahezu flüsternd, mal mit aller Kraft, trägt sie mit selbstbewusster, durchdringender Stimme ihre verspielten Lieder vor, die Freude und Lebenslust versprühen und so mit dem Schwermut von „Choir Of Young Believers“ kontrastieren. Zu jedem Song erzählt sie Geschichten, die direkt aus dem Leben gegriffen sind und von Toiletten, schlechten Englischnoten und Samstagabenden zu Hause vor dem Fernseher handeln. „But it is in Danish, so you won’t understand anything“, meint sie lachend. Als Dank für den überschwänglichen Applaus spielt sie als Zugabe dann doch noch ein Lied mit englischem Text.

Randvolle Locations
Erst beim Verlassen der Kellerbühne wird einem klar, wie gut das Festival besucht ist: Der Eingangsbereich der Kellerbühne ist überfüllt mit Besuchern, die für den Auftritt von Kira Kira auf Einlass hoffen. Auch die Grabenhalle, wo pünktlich um 23:30 Uhr „Vincent Van Go Go“ das St. Galler Publikum begrüssen, ist randvoll. Die fünf energiegeladenen Dänen zünden zum Abschluss des Live-Abends in der Grabenhalle ein musikalisches Feuerwerk, auf das die Bezeichnung Reggae nur beschränkt zutrifft. Johannes Nørrelykke, der Sänger an der Gitarre, Kristian Kold am Bass, Dennis Ahlgren am Keyboard, Thomas Månsson am Plattenspieler und Sampler sowie Janus Nevel Ringsted am Schlagzeug zeigen keine Scheu, die Grenzen des Genres in Richtung Elektro, HipHop und Rock auszuloten. Das Publikum nimmt den Schwung auf, den die abwechslungsreichen Songs transportieren und kein Bein bleibt still. Über die Tatsache, dass die Band und das Transparent auf der Bühne mit einem sonnigen Strand nicht unbedingt nordisches Flair vermitteln, kann deshalb getrost hinweggesehen werden.

Erweiterung des Horizonts
Mit einem Dankeschön an das Publikum in Form einer ausgedehnten Zugabe entlassen „Vincent Van Go Go“ die zufriedenen Festival-Besucher genauso wie Lift im Palace in die Obhut der DJs. Das gut besuchte Nordklang-Festival kann denn auch in seiner dritten Runde als gelungen bezeichnet werden. Auch wenn die Locations zeitweise mit Platzproblemen zu kämpfen haben, wird dem Festival-Publikum in vielfältiger Weise die Gelegenheit geboten, seinen musikalischen Horizont zu erweitern und gepflegte Live-Musik in nordischem Ambiete zu geniessen. Die zehn Bands boten auch dieses Jahr eine breite Palette von unterschiedlichen Stilrichtungen, so dass für jeden Geschmack mindestens etwas dabei war. Kein Wunder also, dass das Festival ein durchmischtes Publikum anzuziehen und zu begeistern vermochte.