Kultur | 23.02.2009

Poetry Slam – Was soll das?

Text von André Müller
Man schreibt Texte, von denen man nicht leben kann. Man trägt diese Texte der gnadenlosesten und willkürlichsten Jury vor, die es gibt: Dem Publikum. Trotzdem kriegt man keinen Literaturpreis dafür. Genau das ist Poetry Slam! Warum tut man sich das an? Die subjektive Erklärung eines Hobbyslammers.
André Müller: "Der gute Slammer packt Nadeln, Hammer und sonstiges sprachliches Werkzeug in seine Texte rein". Fotos: solarplexus.ch/Lisa Küttel

Kreuzlingen, irgendwann kurz nach halb acht. Ich bin auf der Suche nach einem Lokal namens Z88, doch alles, was ich in dieser Stadt finde, sind Kreisel. Zum Durchdrehen! Bärenplatz, Löwenplatz, ein ganzer Zoo scheint sich in der städtischen Namensgebung niedergelassen zu haben, doch vor lauter Tieren ist auch mein Orientierungssinn ziemlich auf den Hund gekommen. Endlich taucht ein Schild auf, welches die Passanten freundlich dazu einlädt, sich ins Z88 zu begeben. Hauptstrasse 88. War ja irgendwie logisch. Mit nichts als ein paar zerknitterten Zetteln bewaffnet, betrete ich die Dichterarena des heutigen Abends.

Kaum im Lokal angekommen, erhalte ich unverzüglich meinen Lohn für die folgende Darbietung in die Hand gedrückt: Drei kleine Zettelchen, auf denen Getränkebon steht. Dazu der Hinweis, dass es bei Bedarf noch mehr dieser kleinen Zettelchen gibt. Gut, das leibliche Wohl kommt heute kaum zu kurz. Ich bestelle ein Glas Rotwein, welches die doppelte Menge an Wein enthält, die man sich aus doppelt so teuren Restaurants gewohnt ist, und ich schaue mich um: Ausser den üblichen Slamokraten der Ostschweiz tummeln sich einige Juso-Leute, ein Grüppchen Teenies und ein paar mittelalte, gut angezogene Kunstliebhaber im Barbereich.

Extraschuss Adrenalin
Bald stellt sich heraus, dass sich statt der erwarteten zehn Slammer nur fünf angemeldet haben, von denen jetzt zwei wegen Krankheit ausfallen. Das übliche Turnierverfahren – Zwei Vorrundengruppen und ein Final der drei bis vier Punktbesten – kann nicht durchgeführt werden. Um dem Publikum doch noch eine Show zu bieten, wird eine offene Bühne durchgeführt. Die Standardregeln gelten dennoch: 1. Nur eigene Texte vortragen. 2. Keine Hilfsmittel oder Musikinstrumente benutzen. 3. Der Text darf höchstens 5 Minuten dauern.

Endlich darf ich auf die Bühne. Das kleine bisschen Nervosität, der Extraschuss Adrenalin kommt sogleich, aber gleichzeitig auch die freudige Erwartung des eigenen Textes. Wie werden ihn die Leute aufnehmen? Bekommen sie die Pointen mit? An diesem Abend macht es besonders Spass, die Verse rattern und knattern von der Zunge, der Fluss stimmt und die Leute scheinen ihre Freude daran zu haben. Zum Schluss ein warmer Applaus, der eigentlich schon Lohn genug ist für die einstündige Anreise und das viele Herumkreiseln in Kreuzlingen.

Der kleine Dichterkreis bringt eine grosse Stilvielfalt auf die Bühne. Ob gereimt, in Prosa, ernst, komisch, mit Gestik untermalt oder mit stoischer Ruhe vorgetragen: Im Poetry Slam ist alles erlaubt. Natürlich gibt es bisweilen auch Schläge unter die geschmackliche Gürtellinie, nur muss der Wortschläger auch mit dem Konter des Publikums rechnen, welches einen nicht genehmen Slammer mit schlechten Noten und Zwischenrufen bestrafen darf. Doch an diesem Abend bleibt die Audienz still und aufmerksam während der Auftritte und Noten werden sowieso keine verteilt: Eine faire Sache! Das ist jedoch die Ausnahme.

Opferlamm und Jöö-Bonus
Normalerweise ist Slam unfair. Die Jurymitglieder – zufällig ausgewählte Leute aus dem Publikum – haben weder Lust, objektiv oder vorurteilsfrei zu sein, noch machen sie sich die Mühe, Kriterien für ihre Notengebung festzulegen. Nein, sie wollen bloss unterhalten werden. Sie wollen mitgerissen werden von Wortkaskaden, die über ihre Hörorgane einstürzen und ihre Denkgehäuse überschwemmen. Sie wollen weggefegt werden vom Gedankensturm auf der Bühne. Sie wollen von feinen Ironiestichen gepiekst und vom Hammerwitz erschlagen werden. Der gute Slammer weiss das und packt genügend Nadeln, Hammer und sonstiges sprachliches Werkzeug in seine Texte rein.

Trotzdem gewinnt nicht immer der Beste. Vielleicht wird genau dieser Beste als Erster auf die Bühne geschickt und dem noch etwas trägen Publikum als Opferlamm geschlachtet. Vielleicht hat der Konkurrent sein ganzes Heimatdorf mit an den Slam genommen und diese schreien ihn zum Sieg. Vielleicht kriegt ein jüngerer Teilnehmer den Jööö-Bonus ab und münzt diesen geschickt in Punkte um. Doch auch das weiss der gute Slammer und macht sich nichts draus. Denn auch er oder sie – viele der zungenfertigsten Poeten sind eigentlich Poetinnen – hat eine Ladung Applaus gekriegt und ist von Redefluss und Wortschwall der anderen hin- und weggespült worden. Der Hauptgewinn, eine Flasche Single Malt Scotch Whisky (ausser bei u20-Slams), wird meist auch solidarisch aufgeteilt, damit bei niemandem am nächsten Morgen der Kater aus dem Sack gelassen wird.

Auch in Kreuzlingen neigt sich der Abend seinem Ende zu. Frühzeitig kreisle ich mir meinen Weg zurück um die Bären und Löwen herum in Richtung Bahnhof, wo der Nachtzug bereits auf mich gewartet hat. Auch wenn meine Orientierungsprobleme mich an den nächsten Slam begleiten werden, von der Bühne abhalten lasse ich mich sicher nicht davon.

Für die Agenda


Die nächsten Slams in St.Gallen stehen bereits vor der Tür: Am 14.März in der Grabenhalle und am 25.April im flon.

In Zürich findet am 7. März der 20. Poetry Slam im Schiffbau statt, unter anderem mit Gauner (Berlin), Julius Fischer (Leipzig) und Philipp Reichling (Zürich).

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