Gesellschaft | 23.02.2009

Narziss und Goldmund

Text von Baba | Bilder von Michael Baumann
Während sich Mitzus Kontakt mit der realen Welt momentan auf ein Minimum beschränkt, hat Baba etwas zu viel davon. Eine Londoner Strassengang hielt ihn letzte Woche auf Trab.
Der eine in London, der andere in Solothurn: Baba und Mitzu.
Bild: Michael Baumann

London, 22. Februar 2009

Mitz,

Ist schön zu hören, dass Du, mithilfe tierischer Metaphern, zurück ins Reich der Lebenden gefunden hasst. Ja Ich mag mich gut erinnern, wie du mich im Jahr des unkonstruktiven Grübelns zu einer Erkenntnis gedrängt hasst: „Denken ist eine Krankheit!“ Liest sich fast wie der Leitspruch einer  religiösen Institution oder Sekte.

Jedoch nur im zu exzessiven und leicht ver-rückten Gebrauch unserer Hirnmasse, ohne daraus resultierende Handlungen, entsteht eine selbstzerstörerische unendliche Achterbahnfahrt im Kreis. Nebenbei, Dich mit dieser Grille aus Lafontaines Fabel zu vergleichen, welche im Sommer musiziert und im Winter den Ameisen an ihren Speck will, hat einen kleinen Haken. Im Gegensatz zu Dir, welcher nichts getan hat, spielte sie Musik!

Sie haben mir meine Männlichkeit gestohlen, sie mit Füssen, oder besser Stangen aus meinem übersteigerten Ego gescheucht. Wie ein Neugeborenes den Bauch seiner Mutter verlässt, verliess ich meine Wohnung letzten Samstag – voller Vorfreude, was wohl an diesem Abend noch auf mich zukommen wird, im Wunderland London. Da standen sie dann! Kleinwüchsig, erwartend, grinsend, sich gegenseitig anstiftend. Ein Rudel von zehn Jugendlichen. Nicht älter als 16. Und ich, ihr Nachtisch, kam zur rechten Zeit. Nach kurzem Adrenalinstoss und leicht ungläubigem Gesichtsausdruck meinerseits, spielte ich schon Hürdenlauf durch dunkle Gassen. Wie habe ich meine Sucht nach Tabak verflucht. Ich hätte mich gerne selber beobachtet, wie ich da vor ein paar Holzstangen, wütenden Augen und gierigen Seelen davonrannte. Wie jeder Mensch, besitze ich eine Idee meiner selbst, wer ich bin, oder besser gesagt wer ich glaube zu sein. Die Flucht vor einem Rudel gehässiger „James Deans“ passte da überhaupt nicht in mein Selbstbild.

An diesem Abend wurde ich noch mit Flaschen beworfen, von Autos angefahren und auch „Experiment interkulturelle Beziehung“ war sehr lebhaft. Nicht im positiven Sinne, aber all dies nur nebenbei.

Wenn ich mir nun so vorstelle flanierend die Solothurner Aarepromenade, auch genannt „Rue de Blamage“, oder sonst ein „lebhaftes“ Örtchen in der Schweiz zu durchstreifen und einem streitlustigem Menschen begegnen würde, ich glaube ich hätte einen Lachkrampf. An einem Ort wie London, gross, schnell, unerbärmlich, Arm und Reich auf engstem Raum, geschüttelt durch die Finanzkrise (ja man kann das hier wirklich spüren) kann ich solche irrsinnigen Erlebnisse, wie das obig beschriebene, irgendwie noch nachvollziehen. Soll nicht heissen verstehen. Jedoch im kleinen, sauberen, geregelten und reichen Ländlein namens Schweiz.

Drück dich

BABA