Kultur | 16.02.2009

Milk

Text von Lena Tichy
Dem amerikanischen Regisseur Gus van Sant ist mit "Milk" ein berührendes Porträt gelungen, das zeigt, welche Hürden die Homosexuellen in den USA im letzten Jahrhundert überwinden mussten.
Er ging in die Geschichte ein: Harvey Milk (Sean Penn) war der erste bekennende Homosexuelle, der in den USA in ein öffentliches Amt gewählt wurde. Fotos: Ascot Elite Der konservative Stadtrat Dan White (Josh Brolin) ist durch Milks Auftreten eingeschüchtert. Milks Wahlkampfhelferin Anne Kronenberg (Allison Pill) und sein Berater Cleve Jones (Emile Hirsch). Er gab den Homosexuellen eine Stimme: Harvey Milk, 1930 - 1978

Lange wurde gerätselt, welche Filme wohl dieses Jahr bei den Oscars abräumen würden. Hollywood machte 2008 kaum mit anspruchsvollen Filmen von sich Reden. Nun aber mit Beginn des neuen Jahres, eine Woche vor der Verleihung der Academy Awards (22. Februar), ist das Kinoprogramm auf einmal gefüllt mit Filmen, die allesamt mehrere Nominierungen auf sich vereinigen konnten: „Revolutionary Road“ von Sam Mendes, „Slumdog Millionare“ von Danny Boyle, „The Curious Case of Benjam Button“ von David Fincher und nicht zuletzt „Milk“ vom Amerikaner Gus van Sant.

Falls „Milk“ einen Oscar bekommt, dann vermutlich für Sean Penns fulminante Darstellung von John Harvey Milk, dem ersten bekennenden Homosexuellen, der in den USA in ein öffentliches Amt gewählt wurde. Um alle Befürchtungen aus dem Weg zu räumen, ein Heterosexueller könne nicht überzeugend einen Homosexuellen Mann spielen, beginnt der Film mit einem Aufriss. Nachdem man Sean Penn drei Minuten dabei zugesehen hat, wie er seinen späteren Partner Scott (James Franco) in der New Yorker U-Bahn anquatscht und schliesslich ohne weitere Verzögerung küsst, ist klar, dass die Besetzung stimmt.

Widerstände und Hoffnung

Harvey und Scott entschliessen sich noch in derselben Nacht, New York den Rücken zu kehren.  Zu schwulenfeindlich ist die Umgebung, zu viele Beziehungen sind wegen den äusseren Umständen kauputt gegangen. Es ist das Jahr 1972 und die Beiden machen sich auf nach San Francisco wo sie, kaum angekommen, in einem katholischen Viertel einen kleinen Laden für Kamera-Zubehör eröffnen. Es dauert nicht lange, bis das Geschäft zum Treffpunkt der Gay Community wird, berühmt weit über die Stadtgrenzen hinaus. Doch die Widerstände gegen die schwule Minderheit sind gross und immer wieder führen Polizeirazzien dazu, dass Homosexuelle schwer verletzt werden oder sogar sterben. In der Absicht, nicht nur etwas für seine eigene Minderheit zu tun sondern auch für behinderte, schwarze und ältere Menschen, kandidiert Harvey Milk für den Stadtrat von San Francisco.

Dank der Unterstützung zahlreicher Freunde, Freiwilliger und der taffen aber liebenswerten Wahlkampfhelferin Anne Kronenburg (Alison Pill), gewinnt Milk 1977 nach drei Versuchen endlich die Wahl und besetzt damit als erster bekennender Homosexueller ein öffentliches Amt in den USA. Inspirierende Reden und Mitgefühl für alle, die aufgrund ihrer Hautfarbe, ihrer Religion oder ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert werden, sind das Markenzeichen von Harvey Milk. Regisseur Gus van Sant („Elephant“, „Good Will Hunting“)  räumt diesem Teil von Milks Leben viel Platz ein, ohne dass dadurch die persönlichen Beziehungen der Hauptfigur in Vergessenheit geraten.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass „Milk“ im Jahr 2008 in den USA in die Kinos kam. Denn wenn es jemanden gibt, der in seinen Reden ähnlich oft von Hoffnung spricht wie der 1978 bei einem Attentat ums Leben gekommene Harvey Milk, ist es wahrscheinlich Barack Obama. 2008 war sein Jahr, genauso wie 1977 das Jahr von Milk war. Beide waren mutig genug, gegen viele Widerstände ein politisches Amt zu besetzen, und beide sind als hervorragende Redner berühmt geworden, denen es gelang, Menschen durch ihre Worte Hoffnung zu geben.Doch auch ohne solche Vergleiche zur heutigen Politik ist „Milk“ grosses Kino, das zu Herzen geht, und, wer weiss, vielleicht sogar mit einem Oscar belohnt wird.

Zum Film


"Milk" läuft ab dem Donnerstag 19. Februar in allen Deutschschweizer Kinos.

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