Gesellschaft | 23.02.2009

Leben im Transit

Text von Edith Truninger | Bilder von Stefan Wallimann.
Für die Amazone ist das Leben bestimmt kein Wartesaal, und doch kam sie sich manchmal schon gestrandet vor. Gut nur, dass es immer wieder vorkommt, dass man genau zur richtigen Zeit richtigen Ort ist.
Bild: Stefan Wallimann.

„Ich bin im Wartesaal geboren“, singen Patent Ochsner, und auf einer Interrail-Reise mit der Eremitin habe ich zum ersten Mal eine Ahnung davon bekommen, was sie damit gemeint haben könnten. Die Eremitin und ich wandelten nämlich einmal auf den Spuren von Homo Faber in Griechenland (das war das Motto unserer Reise), entschieden uns dann aber spontan, Mister Faber für ein paar Tage abtrünnig zu werden und einen kleinen Abstecher nach Istanbul zu machen. Von Thessaloniki aus wollten wir den Nachtzug nach Istanbul nehmen. Aus Athen kommend, erreichten wir Thessaloniki bereits am späteren Nachmittag. Es regnete und auch sonst hatten wir keine besondere Lust, uns die Stadt anzusehen. Es blieb uns also nichts anderes übrig, als im heruntergekommenen Bahnhofsbuffet auf die Abfahrt unseres Zuges zu warten. Wir assen pampige Pommes, rauchten Kette und fühlten uns überhaupt nicht wohl in unserer Haut.

Auf der ganzen Welt sehen Bahnhofsrestaurants genau gleich aus. Es sind heruntergekommene, verrauchte Löcher mit vergilbten Wänden. Sieht so die Vorhölle aus? Die Stammgäste trinken bereits am helllichten Tag Bier, der Tonfall ihrer Unterhaltungen ist ruppig, genauso wie ihr Umgang miteinander. Und wir, mittendrin, fragten uns: Was zieht diesen Menschenschlag rund um den Erdball an diesen Ort des Transits? Bier gäbe es sicher auch in anderen Lokalen im Zentrum. Ist es die Sehnsucht nach einer anderen Welt, im Wissen darüber, der eigenen doch nicht zu entkommen? Dem eigenen Schicksal doch nicht entrinnen zu können?

„Ich bin im Wartesaal geboren“, singen Patent Ochsner und meinen damit wahrscheinlich die Tatsache, dass wir viel zu häufig im Leben darauf warten, dass endlich etwas passiert. Viel zu häufig gewöhnen wir uns an die Komfortzone des Transits, denn sie bietet den Trost des Altbekannten, vermittelt ein Gefühl von Sicherheit. Doch das Warten muss man nicht lernen – aber das Fliehen! Nur allzu leicht vergessen wir, dass wir jederzeit einen Zug besteigen und aufbrechen können, wenn wir des Wartens überdrüssig werden. Alles was zählt, ist die eigene Tat. Für die Eremitin und mich jedenfalls hat sich das Aufbrechen gelohnt: Ohne dass wir es gewusst hätten, erreichten wir Istanbul genau am Morgen des Zuckerfestes, an dem die Muslimen das Ende des Fastenmonats Ramadan feiern. In jedem Laden, den wir betraten, wurden uns Bonbons angeboten und wir sahen fröhliche Familien in ihren besten Kleidern durch den Park spazieren. Ich weiss nicht, wie viele Stunden wir in diesem Park auf der Bank sassen und uns am Anblick dieser gut aussehenden Menschen labten. Als die Rufe aus der Moschee erklangen, fühlte ich mich überglücklich und sehr auserwählt, diesen wichtigen Moment für die Menschen dieses Ortes miterleben zu dürfen und ihre Freude zu teilen.

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