Kultur | 16.02.2009

Kapitel zwei

In der Novelle des 18-jährige Nils Pfändler reiht sich ein rätselhafter Vorfall an den anderen. Obs eine Lösung gibt werden erst die nächsten Kapitel seiner Geschichte verraten.
Nils Pfändlers Novelle erscheint auf Tink.ch in neun Episoden. Foto/
Bild: Melanie Pfändler Ein Freund des geschriebenen Wortes: Nils Pfändler.

Die eiserne Tür wurde mir offen gehalten und irgendwie dachte ich mir, sei das die letzte Geste von Anstand und Zivilisation. Eigentlich etwas verschwindend Kleines, aber aufgrund des bevorstehenden Lebens von unschätzbarem Wert. Die Höflichkeit ist die Optimierung der Zivilisation, das Sahnehäubchen der sich organisierenden Gesellschaft. Schliesslich hat der Anstand eigentlich keinen direkten Nutzen, ausser seinem Gegenüber eine Freude zu bereiten. Und genau diese gesellschaftliche Ebene verliess ich in eben diesem Moment.

Ich zählte die steinernen Platten auf dem Boden, lauschte den quietschenden Schritten des Wärters hinter mir, sah einige Menschen, die, genau wie ich in wenigen Augenblicken in einer Zelle fern von Gut und Böse vor sich hinvegetierten. Die Gesichter erzählten in jenen wenigen Sekunden, als ich sie erblickte, Geschichten, Lügen, Verbrechen, Hoffnungen und Träume, die nicht in Worten festgehalten werden können. Die Augen der Kreaturen offenbarten die pure Nacktheit der gefangenen Seelen. Genau so wie sich ein hilfloser Säugling an die guten und die schlechten Gewohnheiten der Gesellschaft anpassen wird, war ich davor, in den Zustand vollkommener Gleichgültigkeit und stummen Widerstands überzugehen.

Der Wärter, eine grosse, gepflegte Gestalt mit einer unverkennbaren Ausstrahlung von Einfluss und Macht, führte mich zielsicher wie ein abgerichteter Spürhund den endlosen Flur entlang. Es war ihm bestimmt nicht bewusst, dass er mich in eben diesem Augenblick nicht nur vom Volk wegsperrte. Er konnte nicht ahnen, dass mir nicht nur meine Freiheit geraubt werden würde.

Ich wusste, dass ich nicht nur mein Leben in der Gesellschaft verlieren würde, sondern auch mich selbst.

 Über den Autor


Nils Pfändler ist 18 Jahre alt und wohnt in Grüningen. Er besucht die Kantonsschule in Wetzikon (ZH).