Kultur | 24.02.2009

Kapitel drei

In der Novelle des 18-jährige Nils Pfändler reiht sich ein rätselhafter Vorfall an den anderen. Im dritten Kapitel nimmt der unbekannte Häftling seine Zelle unter die Lupe.
Im dritten Kapitel zieht der Häftling in die Zelle ein. Illustration/
Bild: Melanie Pfändler Der 18-jährige legt mit "Ein Häftling" seine erste Novelle vor.

Ein Zimmer. Eigentlich war es nur ein Zimmer. Ich trat ein. Der Spürhund schloss routiniert die Tür hinter meinem Rücken und mit dem charakteristischen Klicken, das ein eisernes Schloss verursacht, wenn es sich schliesst, begann in meinem Kopf eine Uhr zu ticken. Die ersten Sekunden meines Aufenthalts, wie der Pudel meine Gefangenschaft genannt hatte, strichen an mir vorbei, gleitend und widerstandslos zogen sie dahin um hinter mir sogleich die Vergangenheit aufzubauen. Was tut ein Mensch, der einen fremden Ort betritt? Er schaut. Ich schaute. Da war ein Bett, ein kleiner Schrank, ein Waschbecken und ein Klo. Das Bett war nicht mehr als ein Rost und eine braune Matratze. Ich setzte mich. Die Federn des viel zu weichen Gestells quietschten, und weil ich nun wirklich nichts Besseres zu tun hatte, hob ich die Matratze an und schaute mir die Federkonstruktion an. Spannend. Ich setzte mich wieder. Das Bett quietschte. Ich schaute. Ich stand auf. Schön der Reihe nach, dachte ich, nur nicht hetzen. Ich hatte Zeit. So viel Zeit.

Der Schrank war aus Holz, einem hellen Holz, vielleicht Tanne. Nein, ein Furnier. Ein einziger Kleiderbügel aus weichem Plastik. Drei Ablageflächen für wenige Kleider. Ich plante das Einräumen. Ersatzhose hier, Unterhemd da. Socken unten, nebenan die Unterhosen. Interessant. Ich drehte mich zum Waschbecken um. Das erste, was ich sah, oder was ich eben nicht sah, war, dass oberhalb des Beckens kein Spiegel hing. Ich hätte mich gerne angeschaut, vielleicht sah ich gar nicht mal so schlecht aus. Bei diesem Gedanken musste ich lachen. Ich lachte herzhaft los, ein hohes, schrilles Lachen, tief aus der Kehle gespuckt. Ich verstummte. Da war ein Wasserhahn, silberfarben, irgendwie sah er unpassend wertvoll aus, handgerecht geformt. Super Standard stand da drauf. Super Standard. Daneben stand ein Glas aus Plastik. Jawohl, aus Plastik. Nun ergab mir alles einen Sinn. Der weiche Kleiderbügel, der nicht vorhandene Spiegel, das Glas aus Plastik. Mit einem starken Eisenhaken eines soliden Kleiderbügels hätte ich Pudel erstechen können. Mit den Scherben eines zerbrochenen Spiegels hätte ich Spürhund die Worte „sieben Jahre Pech“ in die Haut ritzen können. Mit den Bruchstücken eines echten Glases hätte ich meine Haftstrafe verkürzen können. Ich war erstaunt über meine Gedanken. So viel Phantasie.

Ich drehte mich um. Das Klo. Eine Schüssel, ohne Brille, ohne Deckel. Wie ein Bahnhofsklo, nur sauber.  Ohne Brille. Wahrscheinlich denken die Hunde, ich könnte mich daran erhängen. Und wieder musste ich lachen. Diesmal ein übertriebenes, grölendes Lachen, das sich bald in ein Brüllen verwandelte und ich konnte mich kaum halten. Ich verstummte. Da kroch etwas an der Wand. Eine Fliege. Ich war also nicht allein in Einzelhaft, dachte ich, und musste mir ein weiteres Lachen verkneifen. Ich schaute die Fliege an. „Hallo“, sagte ich. Nichts. „Hallo“, sagte ich. Nichts. Ich machte eins von diesen unsinnigen Geräuschen, die Eltern oft zu ihren kleinen Kindern machen. „Tsütsütsütsütsü. Tidididididi.“ Nichts. Langsam zog ich meinen rechten Schuh aus. Dann den linken. Ich schaute sie an. Ich nahm trotzdem den rechten, fasste ihn hinten an der Ferse, schaute die Fliege an und mit einem verhältnismässig leisen „Plopp“ war sie auch schon tot. Sie klebte im Profil meines rechten Schuhs. Vorsichtig versuchte ich sie aus dieser misslichen Lage zu befreien. Versehentlich zupfte ich ihr dabei einen Flügel aus. Den anderen Flügel auch noch. Dann ein Bein. Noch eins. Noch eins. Noch eins. Noch eins. Das letzte. Noch bekümmerter als eine Fliege sonst schon aussieht, klebte jetzt ein Fliegenkopf mit einem Körper ohne Beine und Flügel an der dreckigen Schuhsohle eines Häftlings. Irgendwie traurig. Ich setzte mich.

An der Wand, wo die Fliege ihre letzten Sekunden gelebt hatte, waren Spuren meiner Tat zu sehen. Ein kleiner schwarzer Punkt auf einer grossen, weissen Wand. Das war alles, was vom Leben der Fliege übrigblieb.

Es scheint fast so, dass im Inneren der Menschen der Zwang besteht, sich auf Kosten eines Schwächeren zu bereichern. Grosse Errungenschaften der Geschichte, Paläste, Aquädukte und Pyramiden, zeigen bis heute Reichtum und Macht vergangener Zeit. Doch im Schatten des Ruhms scheidet ein Kleinerer dahin, fast so, als ob für jedes Glück, das jemandem widerfährt, eine anderer um genau gleich viel unglücklicher werden müsste. Zwischen den beiden Geschöpfen entsteht eine Kluft, die grösser und grösser wird, bis sie keines der beiden je wieder überspringen kann. Doch der Kleinere versucht diese offensichtliche Ungerechtigkeit nicht dadurch zu lindern, dass er aus eigener Kraft zum Grossen aufzurücken versucht, sondern nimmt sich in der imaginären Rangliste des Glücks möglichst schnell einen noch schlechter Platzierten, dem die Ungerechtigkeit dann eins zu eins weitergereicht werden kann.

Ich fühlte mich als einzelnes, isoliertes Glied mitten in dieser Kette gefangen. Ich starrte auf den Fleck und fühlte mich plötzlich schuldig der Fliege gegenüber. Ich suchte die leiblichen Überreste zusammen und begann sie wieder zusammen zu setzen, ein Bein da, ein Flügel dort. Doch es entfachte keinen Lebensfunken mehr in ihrem kleinen, geschundenen Körper. Ich fühlte mit ihr, ich fühlte sie und noch viel mehr: Ich fühlte den schwarzen Fleck und ich fühlte es, wie zerdrückt und leblos der Fleck da klebte auf dieser sonst so reinen weissen Wand. Diese Wand, die mir die Sicht in die Freiheit versperrte, die mir klar und deutlich meine Grenzen zeigte. Die mir zeigte wo ich war und wo ich noch lange Zeit unter allen erdenklichen Umständen bleiben würde. Irgendwie schön.