Kultur | 23.02.2009

„Ich mag die Stille nicht“

Text von Martin Sigrist
Emiliana Torrini präsentierte in Zürich ihr neues Album "Me and Armini". Tink.ch traf die Isländerin und sprach mit ihr über Angst, Bodysnatcher und schlaflose Nächte.
Sieht sich selbst nicht in einem sexy Videoclip: Emiliana Torrini. Fotos: Martin Sigrist Die isländische Musikerin und Tink.ch-Reporter Martin Sigrist.

Wie geht’s Dir?

Heute Abend bin ich ganz ruhig. Es gibt immer dieses Auf und Ab auf der Tour. Mal müde, mal gelassen. Tiefs gibt’s aber nicht wirklich. Nur Phasen, die etwas ruhiger sind.

Du bist bist bekannt als leidenschaftliche Geschichtenerzählerin.

Ich mag einfach die Stille nicht. Ich fange immer an zu plaudern, auch wenn ich auf Parties gehe. Am nächsten Morgen bin ich dann nicht mehr so stolz darauf. Auf der Bühne ist es gleich, ich muss einfach die Stille zwischen den Stücken überbrücken. Da alle Songs in einer anderen Tonlage sind und somit die Instrumente immer wieder gestimmt werden, gibt’s viel Gelegenheit dazu. Über die Geschichten hinter meinen Stücken, beispielsweise, gibt es immer etwas zu erzählen.

Zum Titelstück „Me and Armini“ deiner neusten Platte gibt es die unterschiedlichsten Interpretationen. Gemäss deiner Website etwa handelt es von einem fanatischen Fan und der Polizei.

Nein, es geht nicht um die Person. Denn ich schreibe nie über Leute, die mir Angst machen. Das ist verboten. Es war einfach ein Vorfall auf der Tour, da wurden wir verfolgt. Es tut mir sehr Leid für die Person, denn ich weiss nicht wo sie ist. Sie war schizophren oder so was und eine solche Krankheit ist sehr beängstigend. Ich erinnere mich nicht daran, den Song geschrieben zu haben. Wir haben an dem Abend Whiskey getrunken und gejamt und am nächsten Tag war der Song da. Vielleicht kam der Geist der Frau in meinem Whiskey und hat meinen Körper übernommen, um den Song zu schreiben. So eine Art Bodysnatcher.

Ist das deine Art, Songs zu schreiben?

Nein, sonst nie. Ich trinke nicht, wenn ich schreibe. Ich bin einfach da und versuche, in einen Fluss zu kommen um zu schreiben, denn das ist das beste High der Welt. Daneben braucht’s keine Drogen.

Dein aktuelles Album „Me and Armini“ ist sehr schnell entstanden.

Ich habe immer Angst davor, mit dem Schreiben anzufangen. Wenn ich aber mal im Studio bin, ist’s in Ordnung. Aber ich benötige viel Zeit, um an diesen Punkt zu gelangen. Diesmal ging’s schneller, da mich Dan [Dan Carey, u.a. ihr Produzent, Musiker, Mixer, Techniker] einfach irgendwo hin mitgenommen hat, eine Woche Oxford, dann eine in Island und mal ein paar Tage in seinem Studio. Wir mussten daher schnell arbeiten, was mir erstaunlich gut gefallen hat. Es hat sich gezeigt, dass das die beste Art ist zu arbeiten. Es gab keine Unterbrüche der Arbeit – beispielsweise wegen einer Nachtpause. Solche Unterbrüche würden nur wieder meine Angst hochkommen lassen.

Wie habt ihr genau gearbeitet?

Dan kommt mit seiner Gitarre, dann suchen wir uns einen Sound und fangen einfach an, ohne zu wissen, was dabei herauskommt. Es entsteht eine Art unbekannter Flow. Ich könnte nicht einfach zu vorgegebener Musik Texte machen, es muss beides gleichzeitig, im Moment, entstehen.

Du hast neue Stile ausprobiert, wie beispielsweise beim Stück „Jungle Drum“.

Ja, das ist Rockabilly. So etwas kann passieren, wenn man einen Song schreibt. Wir lassen die Songs einfach entstehen ohne zu planen, welchen Stil wir gerne hätten. Der Song weiss selbst, was er will und es bringt dann nichts, noch etwas verändern zu wollen. Das wäre ein verlorener Kampf. Ich höre hin und gebe dem Song was er will. Das ist eine tolle Art, Musik zu machen. Ich will mich auch nicht beeinflussen lassen von dem, was die Leute vielleicht mögen könnten, denn es ist mir sehr wichtig, nicht bewusst die Leute mit meiner Musik zu bedienen.

Du hast den Song „Slow“ für Kylie Minogue geschrieben, ein eigentlich sehr untypischer Song für dich, so elektronisch und nach Sex klingend.

Nein, das ist sehr meine Art. Ich liebe auch diese Art von Musik. Doch während wir im Studio waren hatten wir einfach nie die Idee oder die Möglichkeit, solche Musik zu machen. Zu der Zeit waren wir einfach sehr müde von der Arbeit zu „Fisherman’s Woman“ (Anm. d. Red.: das Vorgänger-Album), denn die Arbeit war sehr emotional. Ich habe Dan gefragt, ob er mit mir diesen Song schreiben würde und wir waren nach einer halben Stunde fertig. Danach haben wir getanzt und waren betrunken. Es war eine tolle Sache, dass es geklappt hat. Jetzt denke ich, dass wir alle Arten von Songs schaffen können, auch beispielsweise eine Heavy Metal Ballade. Solange wir ein Bedürfnis danach haben, ist es wohl in uns drin und kommt dann heraus.

Bist du traurig, dass der Song nicht von dir gesungen wurde?

Nein, ich war total überwältigt, dass der Song überhaupt von irgendjemandem gesungen und veröffentlicht wurde. Ich wurde ja angefragt, einen Song für Kylie zu schreiben. Ich habe einfach nicht erwartet, dass sie ihn mögen würden. Wir haben Monate gefeiert. Und denk mal an den Videoclip mit Kylie Minogue. Wenn ich im Badekleid an einem Pool sitzen würde, wer möchte das schon sehen?

Spielst du den Song jemals live?

Nein, denn es ist ihr Song. Wir werden ihn vielleicht mal in einer Metal Version spielen, doch jetzt habe ich einfach nicht das Bedürfnis dazu. Die Arbeit an dem Song war für mich eine tolle Erfahrung an sich. Uns wurde eine ganz andere Welt gezeigt. Wir bewegen uns selbst eigentlich in einer Welt des Untergrunds und plötzlich sind da Grammys und andere Preise. Ich konnte so mal in diese Welt rein sehen und das hat mir gereicht. Ich bin froh, konnte ich wieder in meine Welt zurück und dabei lernen, was und wohin ich wirklich will.

Du nennst deine Musik einen Mix aus allem was du je gehört hast.

Nicht nur was ich gehört habe, sondern auch alles andere in meinem Leben. Leute die ich getroffen habe, Dinge die ich erfahren und erlebt habe. Die meisten Dinge sind inspirierend, gute und auch schlechte. Es ist ein grosses Gemisch. Leute erwarten von mir, dass ich nur von Musik inspiriert werde, weil ich Musik mache. Das ist für mich aber sicher nicht am wichtigsten, ich höre mir nicht mal viel Musik an. Es sind teilweise ganz kleine Dinge: Bereits ein kleines Wort, dass mich aus dem Loch holen kann, wenn es mir richtig schlecht geht, weil jemand genau das in Worte gefasst hat, was bei mir nicht in Ordnung war, das ist richtig toll.

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