Gesellschaft | 02.02.2009

„Ich habe mit der Gesellschaft abgeschlossen“

Text von Lea Zwimpfer
Trotz der Kälte und dem Regen strahlt sie die vorübereilenden Passanten an: Christina Choudhary, 60, Surpriseverkäuferin auf der Bahnhofsbrücke zum Central.
Würde den Leuten gerne sagen: "Hebed eu Sorg!" - Christine Choudhary. Fotos: Lea Zwimpfer. Ihr Rezept gegen die Kälte und den Regen: Dick einpacken und zwischendurch die Handschuhe vom Marronimann trocknen lassen. „Die Strasse ist mein Lieblingsort.-œ

Bereits als Kind gefiel es Christina, mit ihrem Hund herumzuziehen. Manchmal war sie zehn Stunden allein mit ihm unterwegs. Eines Tages, als sie noch das Lehrerseminar besuchte, packte sie die Abenteuerlust. Sie nahm ihren Pass und reiste per Autostopp durch Italien, Jugoslawien, Istanbul und Spanien. Zehn Jahre lebte sie auf der Strasse. Durch Betteln und dem Verkauf von selbst gemachtem Silberschmuck und Aquarellen verdiente sie, was sie zum Leben brauchte. Manchmal reichte es sogar für eine Übernachtung in einem Hotel.

Als Lehrerin nicht den Normen entsprochen

Doch das Leben auf der Strasse war hart, deshalb kamen sie und ihr Mann, den sie in Serbien kennen gelernt hatte, zurück in die Schweiz. Sie beendete das Lehrerseminar und unterrichtete dreissig Jahre lang an verschiedenen Primarschulen. Jedoch musste sie immer mit Vorurteilen kämpfen, weil sie nicht ins Schema passte. Auch ihre freundschaftliche Art, wie sie mit ihren SchülerInnen umging, eckte an. „Ich trete allen Menschen mit dem gleichen Respekt gegenüber.“ Mit Leib und Seele setzte sie sich für ihre SchülerInnen ein, auch für die schwarzen Schafe – solche, die aus Prinzip beschuldigt wurden. Ungerechtigkeit ist etwas, das sie nicht ertragen kann. Das Verhältnis zu den anderen LehrerInnen wurde immer schwieriger; Mobbing und Lästern waren die Folge. Jeden Tag musste sie sich zwingen ins Schulhaus zu gehen,  weil sie die schlechte Atmosphäre quälte. Als sie die Kündigung erhielt, fing sie als freiwillige Helferin im „Pfuusbus“ von Pfarrer Sieber an. Endlich begegnete sie wieder Menschen, die ihr ehrlich und freundlich gegenüber traten. Menschen von der Strasse. Doch mit der Zeit konnte sie es sich nicht mehr leisten gratis zu arbeiten, so fing sie als Surpriseverkäuferin an. Ein- bis zweimal in der Woche betreut sie zudem eine an Parkinson erkrankte Frau. Mit ihrer Dreiviertel-IV-Rente reiche das gut zum Leben.

Das Leben unter Randständigen

Den Verkaufsstandort hat Christina sich ausgewählt, weil sie hier ihre Freunde vom „Pfuusbus“ trifft. Mit ihnen fühlt sie sich auf gleicher Wellenlänge und wird akzeptiert, wie sie ist – mit all ihren Ecken und Kanten. „Solidarität ist sehr wichtig, wenn man auf der Strasse lebt. Man ist aufeinander angewiesen.“ Der Drogenkonsum mancher Freunde stört sie wenig, denn jeder soll leben, wie er will. Manchmal nervt sie das „Gelabber“ und „Gepöble“, aber dann sagt sie direkt ihre Meinung und distanziert sich. Am nächsten Tag sei dann alles wieder okay. Christina findet, die Stadt habe gute soziale Einrichtungen für Obdachlose und Bedürftige. Als sie früher in anderen Städten auf der Strasse lebte, war es mühsam sich durchzuschlagen. Aber es könne nie genug sein. Am schönsten wäre eine Wagenburg, ein kleines „Dörfli“, in dem so genannte „Randständige“ selbstbestimmend leben können. Ohne Aufsicht, ohne dass man sie erziehen will, was nämlich lächerlich sei.

Der Rückzug aus der Gesellschaft

Seit Christina nicht mehr in einer Beziehung ist, wohnt sie in einer WG mit zwei Freunden, die vorher im Wald lebten (Bericht dazu im Tagesanzeiger, 19.Januar 09, „24 Stunden unterwegs mit zwei Obdachlosen“). Sie bezahlt die Miete der Wohnung und die anderen steuern soviel bei, wie gerade möglich ist. Christina lebt gerne in ihrer eigenen Welt. Sie schmust am liebsten mit ihrer Katze und malt viele Bilder. Resigniert meint sie: „Ich habe mit der Gesellschaft abgeschlossen.“ Das gesellschaftlich-öffentliche Leben interessiert sie nicht mehr gross. Vielleicht fehlt ihr die Hoffnung etwas verändern zu können und deshalb hat sie sich teilweise zurückgezogen und versucht zu umgehen, was ihr nicht passt. Das Verkaufen der Surprise beschert ihr sehr schöne Erlebnisse. Viele Passanten sind freundlich und lächeln ihr zu. Vor allem die Studenten sind seien nett, obwohl sie wegen ihres kleinen Budgets selten ein Heft kaufen. Zu Weihnachten hat ihr ein zwanzigjähriger Stammkunde selbstgebackene „Cornflakesguetzli“ geschenkt. Wegen diesen positiven Erfahrungen will Christina noch lange Surprisemagazine verkaufen; solange es geht. Denn für sie sei es optimal: Sei habe ein Zuhause, verdiene Geld und könne trotzdem sein, wie sie ist.

Surprise


"Surprise" versteht sich als Integrationsprojekt für sozial benachteiligte Menschen. Ungefähr 70 Prozent der rund regelmässigen 300 Verkäufer beziehen Sozialhilfe. Die Hälfte des Verkaufspreises geht an die Verkäufer. Das Heft erscheint in der Deutschschweiz mit einer Auflage von 30’000 Exemplaren und erreicht 123’000 Leser. Tink.ch portraitiert von nun an regelmässig Surprise-Verkäufer/innen.

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