Gesellschaft | 09.02.2009

Hinter den sieben Dünen

Text von Matthias Kempf
Während seiner Reise durch Brasilien macht unser Tink.ch-Reporter Halt zwischen Lagunen und Sanddünen. Und findet dort, mitten im Nichts, einen Zürcher Schlosser, der ein zweites Leben begonnen hat.
Die Pousada der Ruhe, wie sie auf Portugiesisch heisst. Fotos: Matthias Kempf Michael, der ausgewanderte Zürcher, beim Zubereiten eines Fischgerichts. Der Reporter in den paradiesischen Dünen von Lençois.

Der Flug nach Brasilien war ermüdend, sehr ermüdend sogar. Denn in Brasilien funktionieren Inlandflüge wie grosse Busse bei uns. Das Flugzeug landet in jeder grösseren Stadt und hebt nach kurzem Passagierwechsel wieder ab. Wenn man also von Foz do Iguaçu nach Sao Luis reisen möchte macht man Zwischenstopps in Curitiba, Goiana, Brasilia und Imbeatriz. Endlich in Sao Luis angekommen, folgt eine nächtliche Taxifahrt durch die doch ziemlich heruntergekommene Hafenstadt zu unserer Pousada. Pousadas sind kleine Hotels in Brasilien, ihr Standard kann zwischen dem einer Jugendherberge und einem Drei-Sterne-Hotel variieren.

Schon am nächsten Morgen geht die Entdeckungstour los: Wir werden von einem kleinen Van abgeholt, der uns nach Lençois Maranhenses bringt. Lençois ist ein kleines Dörfchen im Staat Maranhão ganz im Norden des Landes. Die Region ist bekannt für ihre Sanddünen mit kleinen Seen dazwischen. Nach zweistündiger Fahrt durch die triste Gegend auf einer Strasse, die man eigentlich eher als ein einziges Schlagloch, denn als Strasse bezeichnen kann, erreichen wir endlich das Dörfchen. „Grüezi mitenand, ich bi dr Michael!“, werden wir freundlich von einem Herrn Ende dreissig begrüsst. Ein Schweizer hier mitten im Nichts. Wir haben es zwar gewusst, trotzdem ist der Empfang ein bisschen überraschend. Mit dem Boot geht es direkt flussabwärts zu seiner Pousada, die er zusammen mit seiner Frau, einer Einheimischen, vor sieben Jahren errichtet hat. Die Pousada hat zwei kleine Chalets und ein Haupthaus, in dem er mit seiner Frau lebt. Der Fluss fliesst direkt vorbei und hinter dem Haus erschliesst eine kleine Strasse das Anwesen. Wir fühlen uns gleich Zuhause.


Alles aufgegeben für das Paradies

Nach einer kleinen Verschnaufpause geht es mit dem Auto in die Wüste. Nach einer 30-minütigen Schaukelfahrt, bei der ich nicht selten das Gefühl hatte, das wir bald stürzen werden, erreichen wir endlich die erste Lagune. Von dort aus machen wir einen Wüstenspaziergang zu Fuss. Der Sand hat eine angenehme Wärme und  das Wasser der Lagunen könnte hellblauer und angenehmer nicht sein. Während wir durch die Wüste gehen, komme ich mit Michael ins Gespräch. Ich frage ihn, was einen Schweizer dazu bringt, all seine Freunde und seine Familie hinter sich zu lassen, um ins Niemandsland von Brasilien zu ziehen. Er erklärt mir, wie er damals mit einem Freund nach Sao Luis kam und seine heutige Frau kennen lernte. Auf der Hochzeitsreise entdeckten sie schliesslich diesen wunderschönen Platz. Kurz darauf gab er alles auf, was er in der Schweiz hatte: Seinen Job als Schlosser, seine Bankkonten auch den Wohlstand, den er genoss.

Jetzt hat er zwar eine Pousada und lebt im Paradies, doch es fehlt an Geld, an Medikamenten und an technischer Unterstützung. Michael hat sich in den sieben Jahren seit seiner Auswanderung an Vieles gewöhnen müssen. Misstrauisch seien sie ihm begegnet, die Leute aus dem Dorf. Doch mittlerweile ist er einer von ihnen, kennt praktisch alle persönlich und bezahlt dieselben Preise wie sie, was für einen Ausländer in Brasilien nicht selbstverständlich ist. Manchmal habe er schon ein wenig Heimweh, gesteht er mir am Schluss unseres Gesprächs doch noch, als wir auf einer Düne sitzen und der Sonne zuschauen, wie sie am Horizont hinter den Sandbergen verschwindet.

Nächstes Jahr kommt ihn seine Mutter besuchen, das erste Mal seit drei Jahren. Er selbst hat seit sechs Jahren kein Flugzeug mehr bestiegen, ein schlicht zu teures Unterfangen. Nach einem feinen Nachtessen, frischer Fisch aus dem Fluss, legen wir uns schlafen. Die grelle Sonne und die Hitze weckt uns am nächsten Morgen. Für uns heisst es Aufbruch, eine weitere Reise steht an. Wir verabschieden uns und bei der Abfahrt muss ich noch mal zurückschauen. Er steht dort, winkt. Ein Zürcher Schlosser, der das Abenteuer zu seinem Leben gemacht hat. Wir wünschen ihm alles Gute und hoffen, dass es ihm gelingt das Geld zusammen zu bringen, um wenigstens noch einmal seine Heimat zu sehen.