Kultur | 08.02.2009

Geld und Schiesspulver

Text von Philipp Ramer
Wenn die deutsche Regielegende Peter Zadek am Zürcher Schauspielhaus mit einem Star-Aufgebot G. B. Shaws "Major Barbara" inszeniert, richten sich die Augen der deutschsprachigen Theaterwelt auf die Pfauenbühne.
Andrew Undershaft alias Robert Hunger-Bühler mit seiner Tochter Barbara (Julia Jentsch). Fotos: Leonard Zubler Später bei der gemeinsamen Besichtigung der Waffenfabrik, die von Andrew geleitet wird. Lady Undershaft (Nicole Heesters) mit ihrem Sohn Stephen (Michael Ransburg). Wieder vereint: Sir und Lady Undershaft. Julia Jentsch mit Andreas Matti. Das Familienoberhaupt Undershaft spaltet mit seiner Waffenfabrik die Familie.

London, 1935: Im Haus der Lady Britomart bereitet man sich auf den Besuch des Familienoberhaupts Andrew Undershaft vor. Schon seit vielen Jahren lebt die Familie aus moralischen Gründen getrennt vom mächtigen und gewissenlosen Rüstungsmagnaten. Doch nun, wo die Verheiratung der Töchter Barbara (Julia Jentsch) und Sarah (Viera Kucera) bevorsteht und die Zukunft des Sohnes Stephen (Michael Ransburg) diskutiert werden muss – kurz, wo finanzielle Unterstützung gefragt ist, hat die Lady (Nicole Heesters) ihren Gatten zu sich bitten lassen. Gespannt erwartet die versammelte Familie seine Ankunft im schlicht aber gediegen eingerichteten Wohnzimmer, dessen Zentrum ein ausladendes Ledersofa und dessen Hintergrund eine riesige halbrunde, farbig schimmernde Wand aus Glaskuben bildet (Bühnenbild: Karl Kneidl). Auch Barbaras Verlobter Adolphus Cusins (August Diehl), ein gewiefter Griechischprofessor, und Sarahs Zukünftiger, der Dussel Charles Lomax (herrlich: André Meyer), sind anwesend.

Kanonen oder Heilsarmee

Bei so vielen jungen Leuten fällt es dem höflich auftretenden Undershaft (Robert Hunger-Bühler) zunächst schwer, die eigenen Kinder auszumachen und beim richtigen Namen zu nennen. Mit charmanter Unbeholfenheit begrüsst er die Runde, dann setzt sich die Gesellschaft zum Tee. Während alle Personen mehr oder minder vornehm gekleidet sind (Kostüme: Karl Kneidl), fällt die lebhafte Barbara durch ihre einfache, dunkelblaue Heilsarmeeuniform auf. Bald kommt die Rede auf ihren Beruf als Majorin der Organisation, und sie bietet ihrem Vater an, anderntags den «Schuppen» zu besichtigen, wo sie die Armen versorgt. Undershaft willigt unter der Bedingung ein, dass sich Barbara am darauffolgenden Tag seine Kanonenfabrik ansehen kommt. Sie ist einverstanden und warnt: «Pass auf. Es kann damit enden, dass du die Kanonen der Heilsarmee zuliebe aufgibst.» Er aber entgegnet: «Bist du sicher, dass es nicht damit endet, dass du die Heilsarmee den Kanonen zuliebe aufgibst?»

In diesem Dialog ist der grundlegende Konflikt des Stücks auf den Punkt gebracht. Mit Barbara und Undershaft treffen zwei völlig gegensätzliche Figuren aufeinander, deren Weltanschauungen, Prinzipien und Moralvorstellungen nicht verschiedener sein könnten. Bibelmoral prallt auf -¹Kanonenmoral-º, Idealismus auf Abgeklärtheit, Heilsbestreben auf Zerstörungswillen. Vater und Tochter versuchen beide, den jeweils anderen zur eigenen Religion – Christentum und Nächstenliebe respektive «Geld und Schiesspulver» – zu bekehren. Nach und nach gelingt es dem rhetorisch versierten Undershaft, Barbara moralisch zu destabilisieren. Als die Heilsarmeegeneralin Mrs. Blaines (Jutta Lampe) letztlich einen hohen Geldbetrag von ihm annimmt, um die Institution vor dem Ruin zu bewahren, sieht sich die Majorin gezwungen, ihre Profession aufzugeben. Im dritten Akt begibt sich die ganze Familie auf eine Besichtigung der Waffenfabrik. Die Lady, die Verlobten und selbst der kritische Stephen zeigen sich begeistert von der sauberen, gepflegten und wohlorganisierten Werkstätte. Als sich Adolphus in einer Kulisse aus Kampfflugzeugen, Bomben und verstümmelten Soldatenattrappen bereiterklärt, das Erbe der Waffenfabrik anzutreten (nicht ohne zu betonen, die Kanonen nur an die -¹Guten-º verkaufen zu wollen), fällt ihm Barbara um den Hals und küsst ihn. Sie will sich fortan um das Seelenheil der Fabrikarbeiter kümmern.

Das Stück eines Kriegsgegners

Die pikante Wendung, der Sieg des eigennützigen Kapitalisten über die idealistischen Gutmenschen, hat „Major Barbara“ zu einem der wichtigsten Stücke des erklärten Sozialisten und Kriegsgegners Bernard Shaw gemacht. Peter Zadeks Umsetzung wird der Vorlage mit überzeugenden Hauptdarstellern (Hunger-Bühler besticht als bezwingend ehrlicher, galanter «Fürst der Finsternis», Jentsch als willensstarke Wohltäterin) – und mehrheitlich gut besetzten Nebenrollen (u.a. Oliver Masucci als Rüpel Bill Walker) gerecht. Das auf wenige Elemente beschränkte, innovativ beleuchtete Bühnenbild mit der mal als Fenster, mal als Mauer fungierenden Glaswand bildet eine dem klassischen Stoff angemessene, zeitlose Kulisse. Auch wenn es viel zu lachen gibt an diesem kurzweiligen Theaterabend, der mit einer Musicaleinlage des gesamten Ensembles endet, bleibt der unterschwellige Ernst der Geschichte allgegenwärtig und wirkt – gerade in Zeiten der weltweiten Wirtschaftskrise – noch lange in den Zuschauerköpfen nach.

Aufführungen:


An folgenden Daten ist Major Barbara im Schauspielhaus Pfauen zu sehen:

10./11./12./13./14./15./24. Februar

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