Gesellschaft | 10.02.2009

Gedankenaustausch über den Ärmelkanal

Text von Baba und Mitzu | Bilder von Michael Baumann
Gibt es heute noch echte Brieffreundschaften? Ja. Und wenn man sein Profil auf Facebook löscht, dann umso mehr. Mitzu und Baba - zwei Freunde, die sich viel zu erzählen haben.
Der eine in Londen, der andere in Solothurn: Baba und Mitzu.
Bild: Michael Baumann

Solothurn, 5. Februar 2009

Baba,

lass uns keine harschen Worte verschwenden. Scheisse gibt es schon genug auf dieser Welt, und täglich mehr. Hier ein paar meiner neusten Favoriten, die mir begegnet sind, seit ich dir das letzte Mal geschrieben habe.

Reis vom guten netten alten Onkel Ben, gibts jetzt bei uns, halt dich fest: Im praktischen Einweg-Beutel. Du kaufst dir eine ganz normale Packung, weil ja Reis fressen besser ist, als zu MC Donalds gehen und hast also jetzt statt einer Kartonschachtel mit Reis drin, eine Schachtel und vier praktische 125g Beutel, die natürlich perforiert sind, damit das Reis darin auch feucht wird (da beginnt mein Hirn an zu Schmerzen), eine Lasche, in die man mit einer europäischen Gabel DIN Norm 3555 977 555555, den Beutel aus dem Wasser heben kann und einer kalten Ecke . Ich habe noch nicht herausgefunden zu welchem Zwecke die dient.

Wenn man sein Facebook-Profil löscht, kommt etwas, was der breiten Öffentlichkeit, die ihre Facebook-Accounts nicht löscht, wieso auch? (sowas macht man auch nicht), verborgen bleibt. Ich habs getan. Und da kommt tatsächlich eine Seite, die mich fast zu Tränen gerührt hat: Bilder von all meinen Facebook-Freunden und darunter steht, dass sie mich vermissen werden und das ich von nun an jeglichen Kontakt mit ihnen verlieren werde. Tja.

Ich glaube Charles Darwin ist der Erste, der sich in seinem Grab nicht dreht vor lauter Missverstanden fühlen, sondern tanzt und jubiliert vor Freude. Nicht weiter entwickelt haben wir uns, sondern die Nichtentwicklung nur noch schneller gemacht und vernetzt. Was heisst, dass Nischen mit anderen Kulturen und Weitentwickelten sich immer mehr dem Druck und der unglaublichen Gier und Fresslust der konstant Blödfeixenden unterordnen müssen und am Ende aufgefressen werden. Die Entwicklung ist aber nicht schlecht. Verstehe mich nicht falsch. Sie ist einfach logisch und unumgehbar. Büne Huber würde singen: «Mit zchline Chöpf und viu zgrosse Büch«.

Und wenn Du Dich in London ein bisschen beobachtet fühlst, dann kannst du dich einfach schon mal dran gewöhnen. Nicht nur mit Hype und Fashion geht ihr voraus, sondern auch mit «Sozialtechnik«. All diese Dinge sind schon hier und der Rest wird kommen. In der Schweiz wahrscheinlich einfach wie gewohnt diskreter.

Mit Heissarassa und Geissenchäs in den Abgrund.

Die einzigen Verlierer sind die ewigen Hippies, denen das partout nicht klar wird und die glauben. Raff zusammen was du kriegen kannst, bau dir ein Bunker und wart auf den selbstgemachten Urknall.

Ich habe mal eine Studie gelesen, die zum Thema hatte, welche Leute in panischen Massen,  die besten Karten haben zu überlegen – zum Beispiel nach einer Feuersbrunst in einem Einkaufszentrum. Diejenigen warens (und sind im Gegensatz zu den anderen immer noch) die einfach auf sich selbst schauten und nicht versuchten den Frauen und Kindern zu helfen.

Die Welt als Einkaufszentrum. Auch wenn Du das nicht glaubst und ich auch nicht so haben wir zumindest das Gefühl, dass die Anderen das tun. Und darum raffen. Ich sags dir.

Peace, Love and Raffgier.

Mitzu

London, 8. Februar 2009

Mitzu,

Ein Unwohlsein schleicht sich schleierhaft in mein Bewusstsein. Dann „zack“, ein unmöglicher Ton, Schmerz, Hass, und er ist wieder da, der Beginn des Tages. Morgenmuffel Syndrom par exellence. Der gestresste Blick auf das Zeitgerät: 8 Uhr. Ahhh wiedermal zu spät! Adrenalin zerstört auch die letzte Süsse der vergangenen 6 Stunden Tiefschlaf. Innerhalb von Minuten geduscht, angekleidet, Fahrrad gesattelt und hinaus auf die grauen Strassen Londons.

In 5 Minuten durchquere ich Somalia, Angola, Türkei, Mexiko, Jamaica, die neuen amerikanischen Kolonien Irak und Afgahnistan, vorbei an Moscheen und koscherem Fleisch. Danach verlasse ich Seven Sisters mit einer harten Rechtskurfe, mein Wohnquartier, dem ethisch, kulturell und religiös meist durchmischtem Bezirk Europas. Nun ein kleines Hügelchen hoch, rein in den Nebel schwarzer Bekleidung und Kotteletten die schon in Kindsjahren die Nase um längen überragen. Hindurch die Welt orthodoxer Sprechgesänge. Wieder runter vom Hügel. Immer noch gerade aus! Die Augen der Themsen-Stadt werden enger und hype. Rein ins in- Quartier Shorditsh ( Nachtjunkies: Stripteese und Working man-˜s Club)! Erste Beglückung rückt näher, Slalomfahrt durch den schnarchenden Verkehr im aktuell durchgeschüttelten Finanzbezirk. (Adrenalinjunkies: Velofahren im Zentrum!!) SIE erscheint langsam am Strassenhorizont. Sitze aufrecht auf meinem Sattel. Strecke meine Arme aus und fahre auf die London Bridge. Entzückt lasse ich alles an mir vorbei ziehen, tauche ein in einen Moment der Ruhe und Aussicht. ICH BIN IN LONDON! Entspurt! Vierspuriger Kreisel in Elephant & Castle und mein Ziel – die Universität – ist erreicht. 40ig Minuten Unterhaltung an einem guten Tag.

Nun mein Freund. Du hast in Deinem Brief viel kritisiert, philosophiert und genörgelt. Es wurde Zeit ein wenig die Schriftblume zu geniessen und einen positiven Nachgeschmack zu hinterlassen. Es gibt genug Scheisse, Trauriges und Unverständliches auf dem Nachbar des Marses. Wir haben aber noch nicht verloren! Alles beginnt und endet mit uns.

Dein Facebook-Experiment hat mich fasziniert. Löschen des Accounts. Mein Facebook-Geständnis: Ich habe 430 Freunde (?!?), spiele Geo-Challenge und stalke Leute. Brauche es als Gossip-Instrument und voyeuristische Plattform. Aber: Diese Seite sollte doch gebraucht werden um Freundschaften zu pflegen und neue anzuschaffen. Ich verliere jedoch Freunde wie Lemminge sterben. Ich schreibe selten zurück, poke niemanden, schreibe keine täglichen Bemerkungen, keine Geburtstagsnachrichten und Kinderglückwünsche. Und meine Freunde ?!?: Nehmen dies wies scheint persönlich.

Danke für deine Aufmerksamkeit!

Gruz Baba

Mehr folgt nächste Woche

Mehr zu den beiden Brieffreunden:


Mein Name (Michael) stand 2007 in der Vornahmen-Hitparade auf Platz 40. Heute genannt Baba, hab ich mein Leben nach London getragen, um Fotografie und die Rätsel einer Beziehung zu erlernen. Davor war ich – nach Flucht aus Solothurn – in Zürich beschäftigt und sesshaft. Trage Schuhgrösse 44. Aufgewachsen in einer modernen Komune, wo ich neben vielen Menschen auch Mitzu kennen lernte. Unser Verhältnis ist, und war, immer lebhaft, inspirierend und fordernd. Was unsere Briefe auch sein werden.

Ich, Mitzu,  war ein House-Hörer, Hip-Hop-Gangster, geniessender Korporal, Hippie. Zu anderen Zeiten fühlte ich mich auch als Philosoph, genoss Drogen, scheiterte am Studieren, bin unterwegs Zimmermann geworden und spiele nun Schreiberling. Der Baba war mein Lebensschüler, wurde von mir gequält. Ich hab mit ihm gewohnt und ihn eingeführt in die Welt der verlogenen Prinzipien und des Wahnsinns. Nun ist er weit – weg und doch sehr nah. Entstanden ist eine Gute Freundschaft und wir wechseln uns ab im Lehren und Lernen, wie auch im Briefe schreiben.