Gesellschaft | 02.02.2009

Die Violette aus der Innenstadt

Text von Ruzica Lazic | Bilder von www.plueschis.at
Das Leben in der Zürcher Innenstadt ist schön. Doch der Alltag kann auch so seine Tücken haben. Speziell dann, wenn man sie sucht - wie es etwa "die Violette" tut. Eine Begegnung.
Geht nur zu Fuss. Aber auch nur dann, wenn der Weg nicht zu weit ist: Die Violette.
Bild: www.plueschis.at

Die Violette wohnt im Zentrum der „Bella Citta“ Zürich. Sie selbst würde es vielleicht nicht als Zentrum bezeichnen, aber im Auge des Betrachters, der zugegeben etwas neidisch von seinem periphären Quartier über den Hönggerberg schielt, ist sie in der glücklichen Lage, die meisten oft frequentierten Standorte in der Innenstadt bequem per Stiefel zu erreichen. Also sehr wohl: Noch sehr, sehr zentral. Ich wohnte ein knappes Jahrzehnt hinter dem Schauspielhaus und bin so auch in den Genuss einer zentral gelegenen Bleibe gekommen. Verständlicherweise war der darauf folgende Quartierwechsel für mich sowohl Schock, Anklimatisierung als auch Erkenntnis zur selben Zeit. So in der Art „Oh, Zürich hat ja Züge, die hatte ich ja nie genutzt, die sind ja so schnell“, und irgendwann allerdings:  „Schnelle Züge machen ein Drittel der Qualität einer Verbindung aus und schlechter Anschluss zwei Drittel“. Aber, die Erwähnung der Anklimatisierung deutet es schon an: Man gewöhnt sich daran, rechnet halt ein paar Minuten mehr ein und an die Leute, welche bei einer Begrüssung erschrecken, hat man sich auch gewöhnt.

Mit dieser mentalen  Einstellung werde ich ab und an mit folgender Situation konfrontiert: Ich treffe mich mit der Violetten. Sie hat weit über zwei Stunden Zeit, bis sie an ihrem Arbeitsplatz zu erscheinen hat. „Wir können doch in jenes Kafi gehen“, schlage ich vor. Es sei bequem mit dem Bus zu erreichen und das Niderdörfli zum x-ten Mal abschreiten verliere beim x-ten Mal halt etwas an Reiz. Die Logik der Violetten gebietet es nun, vehement abzulehnen, wenn sich dabei die Distanz zwischen Arbeitsplatz und aktuellem Standort vergrössert. Denn: Man hat ja nur noch zwei Stunden Zeit! Es ist nicht unbedingt nötig zu erwähnen,  dass sich besagter Arbeitsort (übrigens ein Konfektwarenladen) ebenfalls noch ziemlich zentral befindet und man nötigenfalls die eiserne Regel des „zu-Fuss-Gehens“ auch lockern könnte, zugunsten des gemeinen ÖVs, zwecks beschleunigter Ankunft. Es gibt gewissermassen eine Art schlechtes Karma, wenn man sich trotz genügender Pufferzeit in geringem Masse vom Ziel wegbewegt, so aus den Ansichten der Violetten deduzierbar. Sie ist also jemand, der lieber jetzt noch schnell zum Bäcker um die Ecke geht, wenn er „schon“ in einer Stunde zumacht. Es ist ein grösstenteils nützlicher und hochqualitativer Spleen, den sie da liebevoll hegt.

Mehr zur Violetten und weiteren Charakteren nächste Woche.