Kultur | 08.02.2009

Das perfekte Konzert

Letzte Woche spielte Sophie Hunger zweimal im Zürcher Kaufleuten. Die Konzerte waren eine eindrückliche Bestätigung für den Hype, der durch ihr letztes Album entstanden war.
Sophie Hunger und ihr langjähriger musikalischer Begleiter Christian Prader.
Bild: pomos.twoday.net

Mit beherrschter Körperhaltung sass die Protagonistin auf der Bühne und nuschelte in der für sie typischen Art: „Ich bin immer nervös, wenn ich in meiner Heimatstadt spiele. Es ist etwas sehr Spezielles an diesen Ort zurückzukehren; ich liebe Zürich.“ Mit ruhigen Klängen startete das Konzert vordergründig unspektakulär und zwang die Zuschauer im ausverkauften Kaufleuten von Beginn weg zur vollen Aufmerksamkeit. Als Ouvertüre die aufrechten Klänge des Deutsch gesungenen „Waltzer für Niemand“, anschliessend die tröstenden Melancholie von „Beauty Above All“: „Hello, hello Valentine…“, sang der 25-jährige Shootingstar der Schweizer Musikszene.

Hallo Sophie Hunger! Die Zuschauer im ausverkauften Kaufleuten haben lange auf diesen Auftritt gewartet. Die Stimmung war gespannt. Ein Flüstern, Husten oder Lachen hätte sich zu diesem Zeitpunkt bereits als unpassend erwiesen – wie ein störender Einbruch in die Andachtsrunde eines heiligen Zirkels. Die Leute kamen nicht, um sich mittels einer spektakulären Show zu unterhalten, sondern einzig und allein um Hungers Musik zu horchen, deren Qualitätsbarometer seit Beginn ihrer noch jungen Karriere stetig nach oben steigt. Ihr letztes Album „Monday’s Ghost“ war eine Offenbarung und gab der Schweizer Musikszene neues Selbstvertrauen: Auf der ganzen Welt kann Grossartiges entstehen – sogar in der Schweiz.

Die Musiker: Versiert und „lustig“

Inzwischen hat sich um Hunger auch eine eingespielte und hochkarätige Entourage versammelt. Michael Flury, der korpulente Sympathieträger der Band, den die Bandleaderin an diesem Abend mit folgenden Worten vorstellt: „Der Michael ist ein lustiger. Ja, eigentlich ist er nur lustig.“ Womit sie einen wichtigen Teil der Wahrheit verschwieg: Flury spielt – nicht ganz nebenbei – hervorragend Posaune und trägt damit einen beträchtlichen Teil zur knisternden Intimität von Hungers Musik bei. Auf der anderen Seite der zweite Teil der Bläserfraktion: Christian Prader an der Klarinette, der Hunger wechselhaft auch noch an Piano, Gitarre oder mit seiner Stimme aushilft. Etwas aus dem Hintergrund agierend die Rythmusfraktion um Balz Bachmann (Bass) und der neue Schlagzeuger Julian Sartorius.

Es vergingen Minuten bis die ganze Band ein erstes Mal in die Szenerie eingriff. Erst waren es die befreienden Handclaps in „Shape“, die der Entladung eines gewaltigen Gewitters gleichkamen und dann das Lied „Drainpipes“ mit Blitz und Donnergrollen, das seine Qualitäten in der Liveversion umso mehr zu offenbaren weiss. Bis zu diesem Zeitpunkt war vor allem auch die Dramaturgie des Konzertes sehr gut umgesetzt. Jeder Ton sass am rechten Ort, trotzdem boten die Interpretationen genügend Spielraum für Hungers Improvisationen, die der ohnehin schon tadellosen Darbietung die kleinen aber genialen Momente bescherte: Kleine Nebensätze, Randnotizen wie etwa das dezent eingestreute „you are my legacy“ im mitreissenden „Round and round“, das Hungers unglaubliches Timing für schöne Melodie-Umbrüche und Gänsehautmomente unterstrich – der Geist eines Bob Dylan war nicht nur in der originalgetreuen Interpretation von „Like A Rolling Stone“ zu spüren.

Stephan Eichers Auftritt

Für letztgenannte Coversion erschien ein Überraschungsgast auf der Bühne: Stephan Eicher, mit dem Hunger auch das von der CD bekannte Duett „Spiegelbild“ sang. Wem die Nackenhaare bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu Berge standen, war spätestens jetzt – bei der Melange von Hungers heller, kräftiger Stimme und Eichers kultiviert-heiserem Organ – fällig. Es waren authentische, wache Momente, ohne jeglichen Anflug von Ironie, die den Zuhörern noch lange in Erinnerung bleiben werden. Die hohen Erwartungen konnte Sophie Hunger mit diesem nahezu perfekten Konzert locker Erfüllen. Am Schluss gab es seitens von Sophie Hunger – die im Übrigen den ganzen Abend sehr humorvoll auftrat – noch eine Medienrüge: Nachdem Roger Federer nach verlorenem Grandslam in Tränen ausbrach, hätten ihn die Medien „wie ein blutrünstiges Monster“ niedergemacht. Dabei gab sie zu bedenken: „Wer hat in der Schweiz in letzter Zeit schon so was Grosses vollbracht?“ Vielleicht gab Sophie Hunger mit diesem Konzert die Antwort gleich selbst.

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